SPIK - Sozialpolitik informativ & kurz

Newsletter Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit 30.11.2023

Lesedauer: 9 Minuten

Aktualisiert am 30.11.2023

Inhaltsübersicht

  • Rekordanteil der Arbeitnehmer am Wohlstandskuchen
  • Gesetzliches Pensionsalter und wirksame Anreize entscheidend für Erwerbsaustritt
  • Teilzeittrend hält an – Unternehmen suchen vorwiegend Vollzeitkräfte
  • Gesundheitssysteme erholen sich von der Pandemie
  • SAVE THE DATE Präsentation Jahrbuch Gesundheit 2023
  • 59. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsrecht und Sozialrecht


Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch wenn die Gesetzgebung einige Neuerungen bringen wird – wir werden im nächsten SPIK berichten – stehen aktuell die Lohnverhandlungen in Industrie, Handel und Gewerbe im Vordergrund. Alle sind in der Doppelmühle Inflation und Rezession. Dass „die Kaufkraft leidet, die Gewinne sprudeln“ ist ein Mythos. Der Anteil der Arbeitnehmer am Wohlstand ist auf einem Rekordwert.

Mythen ranken sich auch um das wieder heiß diskutierte Pensionssystem, insbesondere um die Ursachen für den frühen Pensionsantritt der Österreicher. Ein Vergleich zeigt: Arbeitsbedingungen oder die (mangelnde) Einstellbereitschaft der Wirtschaft spielen keine wesentliche Rolle beim Erwerbsaustritt. 

Auch die Ursachen für den hohen Teilzeitanteil werden gern bei den Unternehmen gesucht. Dabei ist der Andrang in die Teilzeit viel größer als das Angebot. Die Unternehmen reagieren darauf.

Eine OECD-Studie zeigt, dass sich Gesundheitssysteme und Lebenserwartung weltweit von der Pandemie erholen.

Zum Abschluss machen wir auf die Präsentation des Gesundheitsjahrbuchs am 9.1.2024 und die 59. Zeller Tagung 10.-12.4. 2024 aufmerksam.

Alles Gute!

Rolf Gleißner


Rekordanteil der Arbeitnehmer am Wohlstandskuchen

Die Lohnquote gibt den Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen wieder, der Rest entfällt auf Unternehmensgewinne und Einkommen von Selbständigen. Laut WIFO erreicht der Anteil der Arbeitnehmer den höchsten Wert in diesem Jahrhundert, der Gewinnanteil den niedrigsten Wert. Es ist also ein Mythos, dass die Kaufkraft leidet, während die Gewinne sprudeln. 

Kein Wunder: Kräftige Lohnabschlüsse der Sozialpartner haben in der Vergangenheit auch in Rezessionen wie 2008/09 und während COVID die Kaufkraft aller Arbeitnehmer gesichert. Das gilt nicht für andere Länder, in denen Kollektivverträge unüblich sind oder nur wenige Menschen erfassen. Die Produktivität wurde also abgegolten und kann nicht noch einmal durch Arbeitszeitverkürzung vergütet werden. Das gilt erst recht für die aktuell einzigartige Doppelmühle aus hoher Inflation und wirtschaftlicher Schrumpfung.

Entwicklung der Lohnquote
© WKÖ


von Mag. Dr. Rolf Gleißner



Gesetzliches Pensionsalter und wirksame Anreize entscheidend für Erwerbsaustritt

Beim frühen Pensionsantritt der Österreicher stellt sich die Frage: Können oder wollen sie nicht länger? Die Zahlen zeigen: Entscheidend sind vor allem die gesetzlichen Pensionsaltersgrenzen. Die bisher gültigen Anreize, länger zu arbeiten, wirken kaum. Ganz im Gegensatz zu anderen Ländern. 

Das deutsche Roman Herzog-Institut hat den Arbeitsmarkt der „Silver Worker“ in OECD-Ländern untersucht und konkret verglichen, wie viele Menschen über dem Regelpensionsalter noch erwerbstätig sind. Spitzenreiter ist Japan: Die Japaner gehen im Schnitt mit 67,5 Jahren in Pension, obwohl das Pensionsantrittsalter dort nur 65 Jahre beträgt. Jeder zweite Japaner der Gruppe 65 bis 69 Jahre ist noch erwerbstätig. Das liegt einerseits am relativ niedrigen Pensionsniveau, andererseits am Ethos, wonach Arbeit auch im Alter zum Leben gehört. Dass auch 45% der Isländer zwischen 65 und 69 Jahren noch arbeiten, wundert nicht – das gesetzliche Pensionsalter ist dort für alle 67 Jahre. 

Die Österreicher schneiden im internationalen Vergleich früh aus: Nur 10% der Altersgruppe 65 bis 69 sind noch erwerbstätig. Im Schnitt treten sie schon lange vorher, nämlich mit 61 Jahren, aus dem Erwerbsleben aus. Dabei ist ein Arbeiten bis 65 bei Männern gesetzlich vorgesehen. Für Frauen gelten zwar 60 Jahre (das niedrigste Alter in der EU!), ein Aufschub des Pensionsantritts wäre aber pensionsrechtlich sehr lukrativ und arbeitsrechtlich abgesichert. Dieser Anreiz wirkt bisher kaum.

Erwerbsquoten von Frauen 2022
© WKÖ

Welcher Faktor entscheidet nun über den Erwerbsaustritt? Die Studie und der Vergleich mit Deutschland zeigen: Es ist in erster Linie das gesetzliche Pensionsantrittsalter. In der Altersgruppe 55-59 Jahre sind 77 % der Österreicherinnen erwerbstätig, fast gleich viele wie in Deutschland. In der Altersgruppe 60-64 arbeiten nur mehr 20 %, also dreimal so wenige wie in Deutschland, wo das Frauenpensionsalter schon 65 Jahre und 11 Monate (!) beträgt. Die 20 %, die in Ö nach 60 noch arbeiten, entfallen großteils auf den öffentlichen Dienst, wo das Pensionsalter 65 bereits für alle gilt.

Die meisten gehen aus Erwerbstätigkeit in Pension 

Dem entsprechen auch die Zahlen des AMS: Demnach gingen 2023 insgesamt 67,8% aus Erwerbstätigkeit in Pension (von den Frauen 70%), aber nur 12,4% aus Arbeitslosigkeit (von den Frauen nur 11%), Tendenz fallend. Schließlich ist die Arbeitslosenquote der Altersgruppe 50+ mit 6,6% nur mehr geringfügig über dem Gesamtschnitt von 6,3%. 

Fazit: Es ist ein Mythos, dass Arbeitsbedingungen oder die (mangelnde) Einstellbereitschaft der Wirtschaft eine wesentliche Rolle beim Erwerbsaustritt spielen.

Weitere Infos: Lebensarbeitszeit im internationalen Vergleich | Roman Herzog Institut 


von Mag. Nina Haas



Teilzeittrend hält an – Unternehmen suchen vorwiegend Vollzeitkräfte 

Immer wieder wird den Unternehmen, insbesondere im Handel vorgeworfen, sie drängen v.a. Frauen in die Teilzeit. Die AMS-Zahlen zeigen das Gegenteil: Die Unternehmen wollen mehr Vollzeit, die Bewerber, v.a. Frauen, mehr Teilzeit. 

Österreich hat mit 30% den zweithöchsten Teilzeitanteil in der EU nach Holland. Bei Frauen ist der Anteil sogar 50%. Doch liegt das an den Unternehmen oder an den Bewerberinnen? Eine aktuelle Auswertung des AMS belegt, dass Frauen nach wie vor Teilzeitstellen suchen: Aktuell (Stand Ende Oktober 2023) suchten 47.434 arbeitslose Frauen eine Teilzeitstelle (40% der beim AMS vorgemerkten Frauen), 38.713 eine Vollzeitstelle (32%), der Rest suchte beides. Dem standen lediglich 15.505 dem AMS gemeldete offene Teilzeitstellen gegenüber.

Der Teilzeitwunsch ist unter arbeitslosen Frauen, die einen Job im Handel suchen, absolut betrachtet, am größten. Entsprechend dieser Nachfrage ist der Handel jene Branche, die dem AMS absolut betrachtet die meisten Teilzeitstellen meldet. Dennoch: Der überwiegende Teil der gemeldeten Stellen sind auch im Handel Vollzeitstellen, nur 1/3 Teilzeitstellen. Während es weit mehr offene Vollzeitstellen als Vollzeitbewerber gibt, ist es bei Teilzeit umgekehrt.

Vollzeit Teilzeit
© WKÖ

Auch ist die Zahl der offenen Stellen, die in Vollzeit ODER Teilzeit angeboten werden, in letzter Zeit sehr stark gestiegen ist (Handel: um +60 % gegenüber 2021). Das zeigt, dass die Betriebe zunehmend flexibel auf die Wünsche der Arbeitsuchenden eingehen. Dem entspricht, dass laut Eurostat 2022 nur 7,9 % der Teilzeitbeschäftigten in Ö unfreiwillig in Teilzeit waren. 

Beschäftigte im Handel zufrieden – egal ob Vollzeit oder Teilzeit 

Die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) erhob in einer aktuellen Studie die Zufriedenheit der Beschäftigten im Einzelhandel durch und befragte dazu 1.006 Mitarbeiter. Dabei zeigt sich: Für 79 % der Mitarbeiter ist ihr Job im Einzelhandel attraktiv, wobei zwischen Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten kein Unterschied besteht. 58 % wollen ihre Arbeitszeit nicht aufstocken, 32 % ein paar Stunden mehr arbeiten, nur 10 % hätten gerne einen Vollzeitjob.

Fazit 

Der hohe Teilzeitanteil liegt nicht daran, dass Betriebe keine Vollzeitstellen anbieten, sondern dass ein Großteil der Bewerber, v.a. Frauen, Teilzeit wollen. Die Motive dafür sind vielfältig – Kinderbetreuung, Weiterbildung, Freizeitpräferenzen, etc. Zudem fördert das Abgaben- und Sozialsystem Teilzeit massiv – durch Abgabenbefreiungen, die Geringfügigkeit und andere Zuverdienstgrenzen für Sozialtransfers, Altersteilzeitgeld, etc. Damit Frauen besser abgesichert werden und die Beschäftigung nicht doppelt unter Druck gerät – durch Demografie und weniger Arbeitszeit –, braucht es dringend Anreize für Vollzeit bzw. Mehrarbeit, den Ausbau des Angebotes für Kinderbetreuung sowie die Beseitigung von Fehlanreizen im Sozial- und Abgabensystem. 


von Mag. Gabriele Straßegger



Gesundheitssysteme erholen sich von der Pandemie

Die Gesundheitssysteme erholen sich von der Pandemie, die Lebenserwartung steigt wieder, Österreich hat Handlungsbedarf. Die aktuelle Studie „Health at a Glance 2023“ analysiert den Stand von Gesundheit und Gesundheitssystemen in 38 OECD-Staaten. Schwerpunkt ist diesmal digitale Gesundheit 

COVID hat die Gesundheitssysteme weltweit erschüttert und die Kosten erhöht. 2022 sind die Ausgaben wieder gesunken – auf 9,2% vom BIP im OECD-Schnitt. Das österreichische Gesundheitssystem kostete mit 11,4% vom (ohnehin weit überdurchschnittlichen) BIP deutlich mehr. Dafür bescheinigt die OECD dem heimischen System eine hohe Qualität.

Seit 150 Jahren wächst die Lebenserwartung fast kontinuierlich um 2 bis 3 Monate pro Jahr. Die Pandemie war eine Ausnahme: Die Lebenserwartung ist zwischen 2019 und 2021 in den OECD-Ländern im Durchschnitt um 0,7 Jahre gesunken, Österreich liegt dabei mit 81,3 Jahren ein Jahr über dem OECD-Schnitt. 2023 dürfte sie wieder steigen.

Österreicher rauchen und trinken mehr als der Schnitt 

Die Lebenserwartung und die Erwartung gesunder Lebensjahre hängen von verschiedenen Faktoren ab. Jeder dritte Todesfall könnte durch wirksame und rechtzeitige Präventions- und Gesundheitsmaßnahmen vermieden (zumindest verzögert) werden. Entscheidend ist aber das Gesundheitsverhalten: Rauchen, schädlicher Alkoholkonsum, Bewegungsmangel und Fettleibigkeit sind Hauptursachen für viele chronische Erkrankungen. Die täglichen Raucherquoten sinken in den meisten OECD-Ländern, Österreich liegt mit rund 21 % über dem OECD-Schnitt von 16 %. Auch beim Alkohol ist Österreich mit einem Pro-Kopf-Konsum von 11,1 Litern pro Jahr unrühmlich unter den TOP sechs OECD-Ländern. Die Adipositasraten steigen in den meisten OECD-Ländern an. Jeder sechste Österreicher ist fettleibig, in der OECD fast jeder fünfte. 

Ein wesentlicher Faktor ist die Gesundheitskompetenz, die die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) 2020 (kurz HLS19-AT) erhoben hat. Gesundheitskompetenz umfasst das Wissen, die Motivation und die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu verstehen und anzuwenden. 15% haben dabei hierzulande Schwierigkeiten. Besonders schlecht schneiden Männer zwischen 30 und 59 Jahre ab – erschwerende Faktoren sind geringe Bildung, eine finanziell prekäre Situation, Arbeitssuche und chronische Erkrankung.

Digitale Gesundheit (eHealth) noch unterentwickelt 

Digitale Gesundheit, also der Einsatz digitaler Technologie zur Verbesserung der Gesundheit, kann die Gesundheitssysteme verändern. Allerdings sind der OECD zufolge viele Länder schlecht vorbereitet. Zwar verfügen 90 % der OECD-Länder inkl. Österreich über ein elektronisches Gesundheitsportal, aber in nur 42 % davon können die Bürger über das Portal auf ihre Daten zugreifen und mit ihnen interagieren.

In Österreich hat man sich im Zuge des Finanzausgleichs darauf geeinigt, die Digitalisierung zu steigern und Patientenströme nach dem Prinzip „digital vor ambulant vor stationär“ zu steuern. Weiters soll eine Datenplattform eingerichtet werden, auf die Bund, Länder und SV-Träger zugreifen können, um die Gesundheitsversorgung zu steuern. Dazu werden Ärzte und andere zur Eingabe von Diagnosecodes verpflichtet, was ein viel besseres Bild von Gesundheit und Krankheit ermöglicht. Alles sehr positiv, sofern sich nicht Hansjörg Schellings Spruch von den „Ankündigungsriesen und Umsetzungszwergen“ bewahrheitet. 

Gesundheitskompetenzstudie HLS-19
Health at a Glance 2023

 

von Mag. Maria Cristina de Arteaga



SAVE THE DATE Präsentation Jahrbuch Gesundheit 2023

9. Jänner 2024, Livestream: 10:00 Uhr - 11:30 Uhr

Die Wirtschaftskammer Österreich und Sanofi präsentieren zum 15. Mal das Jahrbuch Gesundheit. Es erwarten Sie eine spannende Keynote und eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zum Thema: „Smarte Gesundheit. KI-Systeme als Partner im Gesundheitssystem “
Das Event wird live aus dem Puls24-Studio übertragen. Wir würden uns über Ihre Teilnahme via Livestream freuen. Die Einladung mit dem Anmeldelink folgt.



59. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsrecht und Sozialrecht

Termin: 10. bis 12. April 2024

Ort: Ferry Porsche Congress Center, 5700 Zell am See, Brucker Bundesstraße 1a

Nachwuchsforum:
Mittwoch, 10. April 2024 - 16:00 Uhr bis 17:30 Uhr 
– gesonderte Anmeldung erforderlich –

Donnerstag, 11. April 2024 – 08:45 Uhr

Freiwilligenarbeit, Praktika und Volontariate: Verhältnis zur Normalarbeit
Univ.-Prof.in Mag.a Dr.in Elisabeth Brameshuber (Universität Wien) 

Disloziertes Arbeiten und Betriebsbegriff 
ao Univ.-Prof. Dr. Martin Gruber-Risak (Universität Wien)

Lohntransparenz: Gleichbehandlung, Mitbestimmung und Datenschutz
Univ.-Prof. Dr. Adam Sagan, MJur (Oxon) (Universität Bayreuth)

Ende ca 13:00 Uhr

Seminar: 17:30 Uhr – 19:00 Uhr 
Pflegegeld Prof. Dr. Martin Greifeneder (Landesgericht Wels)

Freitag, 12. April 2024 – 09:00 Uhr 
Verfassungsrechtliche Fragen der Pensionsanpassung 
Hon.-Prof.in HR.in Dr.in Angela Julcher (Verwaltungsgerichtshof)

Rechtsfragen der Telemedizin 
Univ.-Prof.in MMag.a Dr.in Diana Niksova (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck) 

Ende ca 13:00 Uhr

Teilnahmegebühr: 100 EUR an Österreichische Gesellschaft für Arbeitsrecht und Sozialrecht, Kontodaten IBAN: AT261500000771005501, BIC: OBKLAT2L

Anmeldebeginn: Montag, 8. Jänner 2024 Anmeldeschluss: Montag, 11. März 2024

Anmeldungen und Anfragen bitte an 
e-mail: astrid.boenisch-weilguny@partner.jku.at;
Tel: +43 664 224 50 80
Infos unter: www.arbeitsrechtundsozialrecht.com




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