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Wie sich Wiener Firmen auf den Brexit vorbereiten

Eigentlich hätte der Brexit am 29. März stattfinden sollen, doch das Vereinigte Königreich hat die Europäische Union um eine Verschiebung des Austrittsdatums gebeten und diese erhalten. Wiener Betriebe bereiten sich - so wie die EU und Österreich - inzwischen auch auf den Fall eines harten Brexits vor.

Brexit
© vasara/Shutterstock

Wann und wie das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union (EU) austritt, ist nach wie vor unklar doch viele heimische Firmen haben sich inzwischen auch auf einen harten Brexit, also einen Austritt ohne Übergangsabkommen, eingestellt und - so gut es geht - auch darauf vorbereitet. Dass dies allerdings nur begrenzt möglich ist, zeigen die Aussagen von Wiener Betrieben.

„Wir befassen uns seit Wochen mit den Themen Markenrechte und Patente im Fall eines harten Brexits.”  Stefan Ehrlich-Adám, GeschäftsführerEVVA
© Foto Weinwurm „Wir befassen uns seit Wochen mit den Themen Markenrechte und Patente im Fall eines harten Brexits.” - Stefan Ehrlich-Adám, GeschäftsführerEVVA

Rasch wieder in geregelten Bahnen

Eine wichtige Rolle spielt der Exportmarkt VK für Dietzel Univolt, die in Simmering Elektroinstallationsmaterial erzeugt. Dietzel hat im VK eine Vertriebstochter mit Vertriebsbüro und Lager. Pro Woche liefern derzeit drei bis vier Lkw Waren von Wien nach London. Dietzel-Geschäftsführer Rainer Lichtenberger hält inzwischen einen harten Brexit für wahrscheinlich. Kurzfristige Maßnahmen zur Vorbereitung auf einen harten Brexit könne Dietzel dennoch kaum vornehmen. „Ad-hoc- Aktionen wie z.B. Lageraufstockung im VK können wir aus räumlichen und logistischen Gründen nicht setzen. Wir gehen davon aus, dass - wenn es zu einer anfänglichen Verzögerung unserer Lieferungen aus dem EU Raum kommt, - dies nicht nur uns, sondern auch fast alle unsere Mitbewerber treffen wird”, sagt Lichtenberger. Denn ein großer Teil der im VK verarbeiteten Cable Management Produkte werde vom europäischen Festland aus geliefert. „Daher wird das unserer Ansicht nach, nachdem sich die anfängliche Aufregung gelegt hat, rasch wieder in geregelten Bahnen laufen”, glaubt Lichtenberger. „Großbritannien ist für uns der stärkste Exportmarkt und hat sich in den letzten zehn Jahren hervorragend entwickelt. Auch heuer stehen die Anzeichen für uns auf Wachstum. Es wurde in den vergangenen Jahren sowohl in die Mannschaft vor Ort, als auch in neue, speziell für den englischen Markt entworfene Produkte investiert.”

Produktionsportfolio in der Wiener Zentrale entsprechend umgestalten

Sollte es zu anhaltenden, gravierenden Handelsbarrieren zwischen der EU und dem VK kommen, würde Dietzel die Tochter im VK mittelfristig auf Importe aus dem chinesischen Werk setzen und das Produktionsportfolio in der Wiener Zentrale entsprechend umgestalten. „Das ist für uns als österreichischer Traditionsbetrieb mit 80-jähriger Geschichte nicht unsere erste oder bevorzugte Option. Wenn es wirtschaftlich zwingend erforderlich ist, werden wir diesen Weg jedoch gehen”, sagt Lichtenberger. Er sei aber zuversichtlich, dass der Dietzel Konzern, der seit den 1980er Jahren erfolgreich in das VK exportiert, auch nach dem Brexit den englischen Markt weiter wie bisher bearbeiten und ihn als Wachstumsmarkt sehen können.

„Bin zuversichtlich, dass wir das VK auch nach dem Brexit als Wachstumsmarkt sehen können.” - Rainer Lichtenberger, Geschäftsführer Dietzel Univolt
© Alan High Photography „Bin zuversichtlich, dass wir das VK auch nach dem Brexit als Wachstumsmarkt sehen können.” - Rainer Lichtenberger, Geschäftsführer Dietzel Univolt

Auch die EVVA Sicherheitstechnologie GmbH exportiert ihre Produkte, mechanische sowie elektronische Schließsysteme und Zutrittskontrollen, in das VK. Ihr Vertriebspartner in London sei einer ihrer größten Exportkunden, sagt EVVA-Geschäftsführer Stefan Ehrlich-Adám. „Wir haben mit ihm Gespräche geführt und rechnen damit, dass sich die Lieferzeiten um einen Tag verlängern, falls es zu einem harten Brexit kommt.” Der EVVA-Vertriebspartner halte derzeit ein Lager, das für rund zwei Monate reichen werde. „Lieferengpässe könnte es nach einem hard Brexit geben, aber ich denke nicht, dass es mittelfristig zu Umsatzeinbrüchen kommen wird”, sagt Ehrlich-Adám.

Beobachten genau

Unsicherheit für das Unternehmen bringe ein harter Brexit beim Thema Markenrechte und Patente. „Wir befassen uns seit Wochen mit dem Thema, haben aber bis jetzt noch keine valide juristische Auskunft erhalten, was ein harter Brexit für unseren Markenschutz und unsere Patente heißt. Wir beobachten das also genau”, so Ehrlich-Adám. Auch die Tele Haase Steuergeräte GmbH hat Kundenbeziehungen mit Unternehmen im VK. „Wir bereiten uns deshalb auch auf das Szenario Hard Brexit vor”, sagt Tele-Vertriebsleiterin Christine Kipke. So haben laut Kipke Kunden bereits mehr bestellt, damit sie eine eventuell unsichere Zeitspanne überbrücken können. „Im schlimmsten Fall wird das VK nach einem hard Brexit zum Drittland. Durch unsere Exporterfahrung mit Drittländern sind wir aber auch für diesen Härtefall vorbereitet und können rasch reagieren”, ist sie sicher. Auch bei Wiener Betrieben, die Waren aus dem VK importieren, ist Lageraufbau angesagt. „Wir haben mehr bestellt als wir es sonst um diese Zeit tun und haben jetzt ein Lager für die nächsten zwei bis drei Monate”, sagt David McGregor, Geschäftsführer von Bobby’s Foodstore. Bobby’s verkauft seit mehr als 20 Jahren britische Lebensmittel und Getränke in Wien. „Wir bestellen bei Großhändlern und die haben zuletzt noch immer nicht gewusst, wie es nach einem harten Brexit weitergeht”, sagt McGregor. „Die Waren werden wahrscheinlich teurer und bei den Lieferungen könnte es Verzögerungen geben”, fürchtet er. „Ich hoffe schon, dass uns die Kunden auch bei Preiserhöhungen treu bleiben.”

EU bereitet Notfallmaßnahmen für harten Brexit vor

„In der gegenwärtigen Phase ist es unmöglich, den Ausgang der nun kommenden Abstimmungen im Unterhaus vorherzusagen. Dazu ist das politische Spiel zu komplex”, meint der österreichische Wirtschaftsdelegierte in London, Christian Kesberg. „Ich bin Optimist und hoffe, dass ein hard Brexit in letzter Sekunde abgewendet wird.”  Aber auch im schlimmsten Fall eines harten  Brexits werde nach allen bisherigen Prognosen die Wirtschaft des VK weiter wachsen. „Es wird keine Rezession geben. Dem VK droht eine Reifenpanne mit schleichendem Druckverlust, es bleibt aber die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas. Ich würde sehr davon abraten, das VK abzuschreiben”, sagt Kesberg, der die im VK vor Ort tätigen österreichischen Betriebe gut aufgestellt sieht.

Die EU bereitet indessen Notfallmaßnahmen für einen harten Brexit vor, denn es gebe die „wachsende Wahrscheinlichkeit, dass Großbritannien die EU ohne Abkommen am 12. April verlassen wird” hatte ein EU-Vertreter am Montag erklärt. Auch Österreich bereitet sich derzeit auf diesen Fall vor.

Brexit-Chaos geht in die Verlängerung

Beim Thema Brexit, dem Austritt des Vereinigten Königreichs (VK) aus der Europäischen Union (EU), ist wieder einmal alles offen. Die EU 27 haben auf ihrem Gipfel letzte Woche dem Wunsch der britischen Premierministerin Theresa May entsprochen und das Brexit-Datum nach hinten verschoben. Ziel war, einen ungeordneten Brexit am 29. März, dem seit zwei Jahren angepeilten Austrittsdatum, zu verhindern. Die Zitterpartie, ob es zu einem No-Deal-Brexit kommt, geht trotzdem weiter, das VK hat aber etwas mehr Zeit bekommen, darüber zu entscheiden und auch noch - zumindest in der Theorie - viele andere Optionen. Denn die EU hat gleich zwei Stichtage festgelegt.

So wird der Brexit bis 22. Mai verschoben, wenn das britische Unterhaus diese Woche dem bereits zweimal abgelehnten Brexit-Vertrag mit der EU doch noch zustimmt. Wird der EU-Austrittsvertrag rechtzeitig beschlossen und ratifiziert, kann das VK geregelt ausscheiden. Gelingt dies nicht, gibt es nur eine Verlängerung des Austrittsdatums bis zum 12. April. Bis dahin könnte das VK auch noch entscheiden, doch an der Wahl zum Europaparlament, die von 23. bis 26. Mai läuft, teilzunehmen und erneut um eine Verschiebung des Brexits ansuchen, ganz vom Brexit zurücktreten oder doch noch ohne  Abkommen aus der EU austreten. Damit liegt der Ball wieder beim VK. Das Unterhaus hat am Montag die weiteren Entscheidungen an sich gerissen und will am Mittwoch (also nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) Testabstimmungen über diese und weitere Optionen - wie z.B. eine Zollunion mit der EU - abhalten. Diese Abstimmungen sind für die Regierung aber nicht bindend. May hält hingegen an dem mit der EU vereinbarten Austrittsabkommen fest. Ob es allerdings nochmals zur Abstimmung kommt, ist derzeit unklar. Selbst May sieht aktuell keine Mehrheit dafür.

 

Daten zum Brexit

  • Das Vereinigte Königreich (VK) ist - nach Deutschland - die zweitgrößte Volkswirtschaft der Europäischen
    Union (EU).
  • Rund 44 Prozent der Exporte des VK gehen in die EU.
  • Für Österreich ist das VK der neuntwichtigste Waren- und der fünftwichtigste Dienstleistungsexportmarkt.
  • Österreich exportiert Waren und Dienstleistungen im Wert von mehr als sechs Milliarden Euro in das VK.
  • Die österreichischen Direktinvestitionen im VK lagen 2017 bei sieben Milliarden Euro.
  • Es gibt derzeit 250 Niederlassungen - davon 50 Produktionsniederlassungen, 50 große Vertriebsniederlassungen und 150 kleine Vertriebsbüros - österreichischer Unternehmen im VK, sie beschäftigen rund 42.000 Mitarbeiter und erzielen 22 Milliarden Euro Umsatz.
  • Etwa 200 bis300 österreichische Firmen liefern sporadisch und in kleineren Volumina Waren in das VK.
  • Die wichtigsten Produktgruppen österreichischer Exporte sind Pkw und Motoren - sie stehen allein für ein Viertel aller Ausfuhren. Auch Maschinen und Anlagen, Bau- und Dienstleistungen sowie Tourismus spielen eine wesentliche Rolle bei den Exporten.
  • Im Fall eines harten Brexits gilt zwischen der EU und dem VK nur noch das WTO-Regime. Der grenzüberschreitende Handel mit Waren, Dienstleistungen und Investitionen wäre wie mit jedem Drittland zu regeln.
  • Laut einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung würde sowohl ein geregelter als auch ein harter Brexit das VK am stärksten belasten. Im Fall eines harten Brexits wären das Einkommensverluste von 57 Milliarden Euro jährlich, das entspreche 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) oder 873 Euro je Einwohner. Die EU-Länder (ohne das VK) wären insgesamt mit rund 40 Milliarden Euro betroffen.
  • Österreich würde nach dieser Berechnung mit Einkommensverlusten von 724 Millionen Euro jährlich betroffen sein. Dies seien 83 Euro pro Einwohner.
  • Im Fall eines weichen Brexits rechnet die Bertelsmann Stiftung mit deutlich geringeren Einkommensverlusten - im VK würden sie 32 Milliarden Euro jährlich ausmachen, in der EU 22 Milliarden Euro.

Brexit-Infopoint

Betriebe finden auf der Plattform wko.at/brexit aktuelle Infos zum Brexit und können Experten telefonisch oder per Mail dazu befragen.

Sie sind Montag bis Donnerstag von acht bis 16.30 Uhr und freitags von acht bis 16 Uhr erreichbar:



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