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„Die Verordnungen nützen nichts, wenn die Menschen sich nicht daran halten"

Umweltmediziner Hans-Peter Hutter erklärt im Interview mit der WIENER WIRTSCHAFT, warum er für ein Öffnen der Gastronomie ist, was „Alles gurgelt“ bringen wird und wie man Testverweigerer motiviert, sich testen zu lassen.

Hans-Peter Hutter ist Umweltmediziner an der Medizinischen Universität (MedUni) Wien.
© Heribert Corn Hans-Peter Hutter ist Umweltmediziner an der Medizinischen Universität (MedUni) Wien.

In Österreich wird so viel getestet, wie in kaum einem anderen Land. Trotzdem sind der Tourismus und die Freizeitbetriebe seit Monaten geschlossen. Ist das sinnvoll?

Hutter: Die Sinnhaftigkeit jeder Maßnahme kann nur im Zusammenhang mit der epidemiologischen Situation beurteilt werden. Gegenwärtig sind die Entwicklungen auf den Intensivstationen definitiv besorgniserregend. Diese Situation in den Spitälern erfordert dringliche Maßnahmen. Ziel der Maßnahmen muss die Reduktion infektiöser Kontakte sein, um die Epidemie zu bremsen und die Patientenzahlen in den Spitälern zu senken. Die derzeitige Diskussion hat sich darin verbissen, dass mit einem mehr oder minder hartem Lockdown dieses Ziel erreicht wird. Die Evidenz stellt dies jedoch durchaus in Frage. Die besten Verordnungen nützen nichts, wenn die Menschen sich nicht daran halten. Man muss sich dringend Gedanken machen, wann und vor allem unter welchen Voraussetzungen man etwa Freizeitbetriebe wieder öffnen kann, selbst wenn dies nicht sofort gemacht wird. Dass Testen und/oder das Vorweisen einer Impfung eine Rolle spielen wird, ist sicher. Daher ist es bereits jetzt sinnvoll, vorausschauend jene Konzepte, die schon im letzten Sommer zum Einsatz kamen, anzupassen und auf ihre Praktikabilität zu prüfen.

Unser Land wandelt seit einem Jahr von Lockdown zu Lockdown. Gibt es Alternativen dazu?

Hutter: Es muss Alternativen geben. Es gibt Alternativen. Denn angesichts immer neu auftauchender Varianten, des Hinterherhinkens der Medizin und der immer größeren sehr negativen (psychischen, gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen) Begleitwirkungen muss über Alternativen nachgedacht werden. Eines ist jedenfalls von eminenter Bedeutung: Das Mitmachen der Bevölkerung bei den bekannten drei Kernmaßnahmen muss soweit wie möglich erhalten werden. Denn diese sind DIE tragenden Stützen der Pandemiebekämpfung. Ein sinnvolles und geordnetes Testkonzept muss das ergänzen. Mit Frühlingsbeginn und den steigenden Temperaturen eröffnen sich zudem auch weitere Optionen im Freien.

Es gibt eine Dunkelziffer an Menschen, die noch nie getestet wurden und dies auch nicht anstreben. Wie kann man sie motivieren, sich regelmäßig testen zu lassen?

Hutter: Aus meiner Sicht nur mit Incentives. Das hat sich doch gerade beim Eintrittstest für köpernahe Anwendungen gezeigt. Insofern ist das vor- und umsichtige Öffnen der Gastronomie mit Eintrittstest eine gute Möglichkeit, schwer motivierbare Gruppen doch zum Testen zu bringen.

In Wien soll jetzt „Alles gurgelt“ auf die gesamte Wiener Bevölkerung und auch die Einpendler ausgerollt werden. Was kann das bewegen?

Hutter: Regelmäßige und kostenlose PCR-Gurgeltests und auch Antigentests sind ein Beitrag, symptomlose Infizierte aus der Population „herauszufischen“. Wenn tatsächlich viele mitmachen, dann ist dies ein weiterer Mosaikstein, die angespannte epidemiologische Situation zu entschärfen.

„Alles gurgelt“ arbeitet mit PCR-Tests, die im Labor ausgewertet werden. Also nicht mit Antigen-Schnelltests. Inwiefern erhöhen diese Tests die Sicherheit?

Hutter: Der PCR-Test ist eben der Goldstandard. Die Sensitivität ist hier vergleichsweise höher, die Verlässlichkeit des Ergebnisses – wenn die Probenahme nach Vorschrift durchgeführt wird – ist hoch.

Halten Sie Eintrittstests für den Einzelhandel (ausgenommen Lebensmittel etc.) für sinnvoll?

Hutter: Für den Einzelhandel ist es sicher eine Erschwernis. Wer überprüft bzw. kontrolliert die Atteste? Analog zur Gastronomie ist dies organisatorisch schwierig. Aus infektiologischer Sicht keine schlechte Idee, schon allein aufgrund der Möglichkeit, nun Personen zu erreichen, die bisher etwa noch keine Lust auf einen Besuch bei einer Teststraße hatten. Zusätzlich kann man überlegen, ob diese Erschwernis für den Einzelhandel auch in einer gewissen Form abgegolten werden könnte.

Viele Menschen tragen die Corona-Regeln nicht mehr mit und treffen einander bei privaten Feiern ohne Abstand, ohne Maske, ohne Test. Kann sich dieser Zustand verbessern, wenn man die Gastronomie im Außen- und Innenbereich öffnet?

Hutter: Aus meiner Sicht ja. Die Bevölkerung braucht eine Perspektive. Die Infektionszahlen sind trotz vieler Einschränkungen angestiegen. Wahrscheinlich geht das einerseits auf die infektiöseren Varianten zurück und andererseits darauf, dass sich viele nicht mehr an die Vorschriften halten und im privaten Bereich unvorsichtig bis sorglos „Kontakte haben“, weil es sonst keinen Platz dafür gibt. Daraus lässt sich auch plausibel ableiten, dass überlegte, schrittweise Öffnungen von Räumen für Sozialkontakte unter umsetzbaren Schutzmaßnahmen die Epidemie bekämpfen helfen. Uns wurde und wird viel abverlangt, wir alle müssen zum wiederholten Mal „die Zähne zusammenbeißen“, um die infektiologische Situation und das damit verbundene Leid zu entschärfen. Perspektive heißt in dieser Hinsicht aber auch, dass klar kommuniziert wird, was passiert, „wenn wir da gemeinsam durch sind“ (Stichwort: positive Anreize). Insgesamt sind wir in einer Art Zwickmühle gefangen. Wenn gewisse Öffnungen stattfinden, muss man auch damit rechnen, dass die Zahl registrierter Infektionen steigt, allein aufgrund der häufigeren Tests. Wird nun eine weitere Bewegungseinschränkung, eine Verschärfung, verordnet, dann gibt es weniger Tests und weniger registrierte Infizierte. Aber es ist zu befürchten, wenn es nicht gelingt, die Bevölkerung zum Mitmachen zu motivieren, dass die Zahl der tatsächlichen Infektionen steigt und der Druck auf das Gesundheitssystem weiter wachsen wird.

Kulturinitiativen sehen sich durch die Einschränkungen ungerechtfertigt benachteiligt und klagen nun die Republik. Sie sagen, mit ihren Sicherheitskonzepten könnten Theater und Konzerthäuser problemlos bespielt werden. Haben sie Recht?

Hutter: Ich würde nicht sagen „problemlos“. Denn immerhin sind ja viele flankierende Maßnahmen umzusetzen. Wahr ist, dass es diese Präventionskonzepte bereits gibt. Die Kultur musste schließlich schon letztes Jahr so arbeiten. Zusätzlich wird es Eintrittstests und einige Adaptionen geben. Kaum jemand kann nachvollziehen, warum der Einzelhandel geöffnet wurde, Kulturbetriebe aber nicht. Man sollte bedenken: „Kunst und Kultur sind essenzielle Elemente unserer sozialen Identität und Gradmesser der zivilisatorischen Entwicklung. Gerade in Zeiten einer Pandemie sollte diesen wichtigen Trägern von Werten unserer Gesellschaft entsprechende Aufmerksamkeit geschenkt werden.“ Das schrieben wir in unserem Leitfaden für den Kulturbetrieb im Sommer 2020. Das ist heute noch wichtiger geworden!

Das Interview führte Gary Pippan, Redakteur der WIENER WIRTSCHAFT



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