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Hier menschelt’s

Alltagstreffpunkt, verlängertes Wohnzimmer, Touristenhotspot,Genusstempel, Schmelztiegel: Die Wiener Märkte füllen nicht nur die Bäuche, sondern auch die Herzen der Wiener.

„Karpfenkönig” Danijel Jankovic schätzt den Kontakt mit seinen Kunden am Schlingermarkt.
© Florian Wieser „Karpfenkönig” Danijel Jankovic schätzt den Kontakt mit seinen Kunden am Schlingermarkt.

Auf Wiens Märkten zeigt sich die Stadt von ihrer buntesten Seite: Marktschreier treffen auf neugierige Feilscher, Süßes aus dem Orient trifft auf den pikanten Wiener Schmäh, und frisches Obst und Gemüse aus der Region auf Gewürze aus aller Welt. „Der Markt ist ein Ort der Niederschwelligkeit, hier kommen die unterschiedlichsten Menschen und Gesellschaftsgruppen zusammen. Er ist quasi eine Mikrostadt in der Stadt”, erklärt Yvonne Franz, Stadtgeographin am Institut für Geographie und Regionalforschung der Uni Wien und wissenschaftliche Leiterin des Weiterbildungsprogramms Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung. „Märkte sind für die Stadt und die Stadtentwicklung sehr wichtig, weil sie nicht nur Orte sind, wo Waren ausgetauscht werden, sondern weil sie auch Orte der sozialen Begegnung sind”, betont sie. Auch Azmi Ersoy Geschäftsführer des Käsestands „Käseparadies” am Wiener Brunnenmarkt schätzt die Vielfalt, die hier tagein tagaus gelebt wird: „Hier gibt es wirklich alles - Imbisse und Restaurants, Lebensmittel aus aller Welt und sogar Kleidung”,  schildert der gebürtige Türke, der 2005 seinen ersten Käsestand am Brunnenmarkt eröffnet und sich mit mittlerweile sieben Ständen eine kleines Käseimperium aufgebaut hat. Auch der Kundenstamm ist breit gesät, so Ersoy. Neben Bewohnern aus der direkten Nachbarschaft, pilgern seine Kunden durch die ganze Stadt, um seinen Käse zu kaufen und sogar bei Touristen ist das Viertel rund um den Yppenplatz mittlerweile ein echter Geheimtipp.

Von der Antike bis heute

Welche Bedeutung Märkte für uns haben, zeigt auch ein Blick in die Vergangenheit. Bereits in der Antike waren Märkte, Foren und Markthallen Orte der Lebensmittelversorgung - aber auch des Zusammenkommens, der Bildung und der Politik. Die Geschichte der Wiener Märkte beginnt im 12. Jahrhundert. Straßennamen und Plätze wie der Kohlmarkt, Getreidemarkt, Fleischmarkt oder der Heumarkt zeugen bis heute von dieser alten Tradition. „Märkte sind stetig im Wandel, bleiben aber durch eine gewisse Kontinuität wiedererkennbar. Solche Orte sind durch eine hohe Lebendigkeit, Vielfalt und Begegnung geprägt. Diese drei Aspekte kann man über die zeitliche Achse hinwegtragen”, erklärt Franz.

Robust durch Wandlungsfähigkeit

Wie beständig und robust Wiens Märkte sind, hat einmal mehr auch die Corona-Pandemie gezeigt. „Nach dem ersten Lockdown waren die Märkte eine der ersten Orte, wo soziale Begegnung auf Distanz wieder möglich war. Und: Ihre Wandlungsfähigkeit haben Märkte bereits viel früher mit dem Aufkommen der Supermärkte bewiesen.  „Als die Supermärkte aufkamen, kamen Märkte in eine große Krise. Der Markt als Ort der Nahrungsmittelversorgung konnte mit dem Angebot und den Öffnungszeiten der Supermärkte nicht mehr mithalten”, sagt  Franz. Die Rolle der Märkte habe sich im Laufe der Zeit verändert, so die Expertin. „Mit ihrer Produktvielfalt, mit ihrer Regionalität und der Saisonalität ihrer Produkte sind sie heute sogar ein Gegenpol zum monotonen Angebot der Supermärkte”, erklärt sie.

Digitalisierung erreicht auch Märkte

Auch aktuell erleben Märkte einen Wandlungsprozess. „Durch den Trend zum Onlinehandel erlebt der Einzelhandel einen unglaublichen Transformationsprozess, der auch auf den Markthandel überschwappt”, ergänzt Franz und nennt als Beispiel Online-Nahversorgungsangebote. Man werde sich überlegen müssen, so Franz, diese Digitalisierung auch auf den Märkten vor Ort mitzudenken. „Es wird künftig, wichtig werden, dass der Markt als Ergänzung zur Digitalisierung gesehen wird und sich noch stärker als Ort der Bildung und der Begegnung positioniert. Ein Ort, wo ich mit etwas Neuem in Kontakt komme und etwas lernen kann.”

Community am Markt wichtig

Ein Ort, wo das bereits passiert, ist der Wiener Schlingermarkt, auch bekannt als Floridsdorfermarkt, weiß Danijel Jankovic, „Karpfenkönig” und Geschäftsführer des gleichnamigen Fischstands. „Wir Markstandler sehen uns als kleine Familie und versuchen ständig den Markt zu verbessern und auf die Bedürfnisse unserer Kunden einzugehen”, schildert er. So werden mittlerweile Führungen am Markt angeboten und auch die Initiative „Kochen am Markt” wird von den Kunden rege angenommen. „Aus frischem Gemüse vom Markt und vielen anderen lokalen Zutaten wird gemeinsam mit den Kunden vor Ort gekocht”, freut sich der gelernte Fleischhauer, der seit 2019 den Fischstand 23 am Floridsdorfer Markt führt. Auch untereinander unterstützt man sich - so Jankovic. „Ich schaue, dass ich von jedem Stand ein bisschen was kaufe - bei jedem gibt es irgendwas ganz Besonderes oder irgendeine Spezialität, vom Fleischhacker, über den Gemüsestand bis zum Blumenstand”, erklärt er. Und: „Wenn es einmal ruhiger ist und nichts zu tun ist, setzen wir uns zusammen und stoßen an”, beschreibt der gebürtige Serbe das familiäre Klima am Schlingermarkt.

„Hier menschelt es”

Eine Herzensangelegenheit ist Jankovic auch der Kontakt zu seinen Kunden. „Die Wiener Märkte haben einen einzigartigen Charme und ein besonderes Flair - hier menschelt es noch richtig. Ich finde es schön, einen kurzen Schmäh mit meinen Kunden zu führen oder mir ihre Sorgen anzuhören”, erklärt er. „Hier am Markt nehmen wir uns halt noch richtig Zeit für die Leute. Bei mir bekommt man zum Beispiel nicht nur qualitativ hochwertigen Fisch aus der Region, sondern ich kann meinen Kunden auch super Rezepte geben”, erklärt er.

Für besonderes Flair sorgen auch die zahlreichen Imbissstände und Restaurants, die sich auf den Wiener Märkten schlängeln und einen Mix aus internationaler Küche und heimischen Leckerbissen auftischen. Einer von ihnen ist Lee Sun Hong, mit seinem koreanischen Imbissstand Mandu & Co am Wiener Rochusmarkt. „Ich habe meinen Imbiss hier seit mittlerweile zehn Jahren”, erklärt Hong, der hier größtenteils Angestellte bekocht, die ihre Mittagspause am Rochusmarkt verbringen. Die Inszenierung der Märkte durch die Gastronomie sei besonders auch für den Tourismus von Bedeutung, weiß Franz. „Der Naschmarkt mit seinem vielfältigen gastronomischen Angebot hat eine besondere internationale Sichtbarkeit und eine Außenstrahlkraft.”

Ökonomische und soziale Bedeutung

Dieser ökonomische Aspekt der Märkte werde, so die Expertin, auch in Zukunft ein wichtiges Standbein für Wien sein. „An manchen Standorten geht der Trend verstärkt in Richtung Kommerzialisierung, wo hauptsächlich veredelte oder weiterverarbeitete Produkte verkauft werden, die ihren Preis haben und sich dann auch an eine kaufkräftige Zielgruppe richten.” Vergessen dürfe man jedoch nicht, dass die Wiener Märkte weit mehr als nur Konsumorte sind, so Franz, sondern wichtige Orte des Zusammenlebens und des Austauschs. „Wiens Marktangebot ist im internationalen Vergleich ein großer Mehrwert, der die Lebensqualität enorm erhöht, wenn man diesen Ort nutzt. Es ist nicht nur aus Konsumentensicht wichtig, sondern auch ein Auftrag an die Stadtplanung dies als Chance für eine lebendige Stadtgesellschaft zu nutzen”, betont sie.

Immer mehr Märkte entstehen

Diesem Auftrag kommt man mit einer Vielzahl an neuen Projekten nach. Ein Beispiel dafür sind etwa die Märkte auf Probe, die an wenigen Terminen getestet werden und bei einem guten Fazit weitergeführt werden sollen (siehe dazu S. 9). Auch die Lange Nacht der Märkte, die erstmals im September über die Bühne gehen wird, soll die Wiener Märkte als sozialen und ökonomischen Begegnungsort stärken.

Eine Markthalle für Wien

Bei zukünftigen Stadtentwicklungsprojekten soll zudem auch eine Markthalle mitgedacht werden, die das Angebot erweitern soll. Die Wirtschaftskammer Wien hat dazu bereits einen Vorschlag ausgearbeitet und vorgestellt. Ein möglicher Standort, der die Anforderungen erfüllt, wäre das Areal des ehemaligen Nordwestbahnhofs. Hier könnte eine Markthalle entstehen, die sowohl Platz für Verkaufsstände als auch für Gastronomie und Veranstaltungen bietet.

Interview

„Märkte sind Orte der Vielfalt, der sozialen Begegnung, der Zufälligkeit und Niederschwelligkeit.”
Yvonne Franz, Stadtgeographin am Institut für Geographie und Regionalforschung der Uni Wien und wissenschaftliche Leiterin des Weiterbildungsprogramms „Kooperative Stadt- und Regionalentwicklung”

Welche Bedeutung haben die Märkte für die Stadtentwicklung?
Märkte sind für die Städte und die Stadtentwicklung sehr wichtig, weil dort nicht nur Waren ausgetauscht werden, sondern weil sie Orte der sozialen Begegnung, Vielfalt und Niederschwelligkeit sind. Sie sind Orte der Superdiversität, der Befähigung - aber auch Orte der Bildung und politische Orte, wo sich Menschen einbringen können - auch abseits der formalisierten demokratischen Teilhabe. Und natürlich sind Märkte auch aus ökonomischer Sicht von großer Bedeutung und wichtige Treiber in der Stadtentwicklung.


Werden Sich märkte auch in Zukunft halten können?
Ich bin überzeugt, dass es Märkte in Zukunft geben wird, wie diese aussehen werden, ist allerdings schwer zu sagen. Ein wichtiger Punkt wird mit Sicherheit das Thema Digitalisierung sein - also digitale Märkte. Es wird in Zukunft notwendig sein, sich breit aufzustellen - und eben auch an physischen Märkten die Digitalisierung mitzudenken. Wichtig wird es sein, sich noch stärker als Ort der Bildung und Begegnung zu positionieren. Dies gelingt schon an Märkten, an denen sich Vereinskonstellationen organisieren und die auch Nachbarschaftsaktivitäten vorantreiben. Sicher ist, dass unsere Märkte unglaublich wandlungsfähig sind und auch eine hohe Robustheit und Krisenfestigkeit besitzen, das haben die letzten zwei Jahre gezeigt und das wird auch in Zukunft so bleiben.

Welche Rolle nehmen Märkte im Bereich der Nachhaltigkeit und urbanen  Transformation ein?
Als Orte des öffentlichen Raums, sind sie eine wichtige Ressource im sich immer stärker verdichtenden Stadtgebiet. Sie bieten Teilhabe im nicht verbauten Freiraum - mal stärker, mal weniger stark versiegelt. Städtebaulich sollte eine nachhaltige Stadtentwicklung eine „Stadt der kurzen Wege” mitdenken. Also jeder soll in der direkten Umgebung die für den Alltag notwendige Grundversorgung vorfinden -  auch ohne Auto. Märkte können hier einen wesentlichen Beitrag leisten. Und: Die heimischen Märkte können zudem zur Nahrungsmittelsouveränität beitragen - das ist vor allem jetzt, hinsichtlich der Lieferkettenprobleme von großer Bedeutung.

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