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Starke Konjunktur mit Schönheitsfehlern

Martin Kocher, Leiter des Instituts für Höhere Studien, wagt im Interview einen Blick ins neue Wirtschaftsjahr: Was zu tun ist, damit die Fachkräftemisere nicht chronisch wird und die Konjunktur auf der Überholspur bleibt.

Martin Kocher, Leiter des Instituts für Höhere Studien, wagt im Interview einen Blick ins neue Wirtschaftsjahr: Was zu tun ist, damit die Fachkräftemisere nicht chronisch wird und die Konjunktur auf der Überholspur bleibt.
© IHS/Nilsson „Wettbewerb um Fachkräfte wird härter“, das sagt Martin Kocher, Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS) im Interview.
Herr Professor, wie schätzen Sie die wirtschaftliche Entwicklung für 2019 ein?
Die Konjunktur wird sich weiterhin positiv entwickeln. Im Vergleich zur Hochkonjunktur in den Vorjahren mit einer Wachstumsrate von zuletzt 2,7 Prozent ist allerdings mit einer Abschwächung zu rechnen: Wir gehen für 2019 von einem BIP-Wachstum von 1,7 Prozent aus.

Welche Faktoren bremsen die heimische Konjunktur?
Der größte Unsicherheitsfaktor ist sicherlich der Brexit. Die wirtschaftlichen Folgen des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der EU sind und bleiben weiterhin das größte Konjunkturrisiko für Europa.

Ist davon auszugehen, dass Österreich als Exportland – und hier insbesondere Vorarlberg – überdurchschnittlich betroffen wäre?
Freilich gibt es etwa über Zulieferketten unmittelbare Auswirkungen, schließlich ist das Vereinigte Königreich der achtwichtigste Handelspartner für Österreich. Allerdings sind die psychologischen Komponenten – nämlich die Stimmungslage in der Industrie und bei den Konsumenten – wesentlich entscheidender als die direkten wirtschaftlichen Folgen, die wir mit 0,1 Prozent weniger BIP-Wachstum beziffern. Wenn die Stimmung kippt, kann das die Konjunktur eintrüben. Entscheidend wird sein, wie der Brexit letztlich über die Bühne geht.

Als zweites Sorgenkind für die Konjunktur gilt auch die Geld- und Handelspolitik. Mit welchen Folgen?
Die handelspolitischen Spannungen zwischen den USA und Europa haben zweifelsohne negative Auswirkungen auf die heimische  Wirtschaft, auch weil sie mit einer massiven Verunsicherung einhergehen. Was die Geldpolitik betrifft, sind durch das Anheben der Zinsen in den USA die Schwellenländer in Schwierigkeiten geraten. Bei der europäischen Geldpolitik geht es um die Frage, wann die Zinserhöhung kommt, die die EZB für nicht vor Herbst angekündigt hat.

Wie sieht es mit Wachstumsstützen aus?
Das Exportgeschäft spielt hier eine zentrale Rolle, es wird auch 2019 ein Zugpferd für die Konjunktur bleiben. Auch der private Konsum, der schon im Vorjahr kräftig zum Wachstum beigetragen hat, bleibt stark – nicht zuletzt aufgrund der guten Lohnabschlüsse und der Vorzieheffekte aus dem Familienbonus. Auch der positive Ausblick auf die Steuerreform 2020 führt zu mehr Konsumbereitschaft.

Mit welchen Maßnahmen lässt sich das Wachstumspotenzial für die heimische Wirtschaft nachhaltig kräftigen?

Neben dem wichtigen Bereich Arbeitskräfte bzw. Hu- mankapital wird auch die Entbürokratisierung zum zentralen Thema. Es braucht den Mut, unnötige Regulierungen abzuschaffen – vor allem im Hinblick darauf, dass in Zeiten der Digitalisierung neue Regulierungen notwendig werden.

Ein Problem aller Branchen ist der Fachkräftemangel. Was ist zu tun?

Hier muss man unterscheiden: Der derzeitige Fachkräftemangel ist auch konjunkturell bedingt und überrascht daher nicht. In Zeiten der Hochkonjunktur werden eben mehr Fachkräfte nachgefragt. Mittel- und langfristig stehen wir aber vor einem echten Problem, weil es ein Mismatch zwischen den von den Arbeitslosen angebotenen und den von den Betrieben nachgefragten Qualifikationen gibt. Es muss Aufgabe der Bildungspolitik und der Arbeitsmarktpolitik sein, diesen Gap zu schließen. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person: Martin Kocher, geboren am 13. September 1973. VWL-Studium, Ökonom und Hochschullehrer. Seit 1. September 2016 leitet er das Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien.

Interview: Karin Sattler

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