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Brexit: „Viele heimische Unternehmen können nicht substituiert werden“

EU versus Vereinigtes Königreich: Die WKÖ-Wirtschaftsdelegierten Christian Kesberg (London) und Josef Treml (Dublin) im großen Interview der Woche mit „Die Wirtschaft“.

EU versus Vereinigtes Königreich: Die WKÖ-Wirtschaftsdelegierten Christian Kesberg (London) und Josef Treml (Dublin) im großen Interview der Woche mit „Die Wirtschaft“.
© WKO/DMC

Herr Kesberg, Sie sind im WKÖ-Auslandsstützpunkt in London seit Beginn der Brexit-Debatte live vor Ort. Was bekommt man vor Ort mit, was uns am europäischen Kontinent entgeht?

Christian Kesberg: Was am Kontinent oft zu kurz kommt, ist der Blick auf die Komplexität der innenpolitischen Verwerfung im Vereinigten Königreich: Boris Johnson ist aus europäischer Perspektive ein unberechenbarer Hasardeur, der wider jede ökonomische Vernunft ankündigt, das Land sogar gegen ein Gesetz, das das eigene Parlament beschlossen hat, aus der Union hinausführen zu wollen. Was er aber wirklich will, folgt durchaus vernünftigem Kalkül. Er will verhindern, dass der wirtschaftspolitisch bedrohlich linke Anführer der Labour Partei Jeremy Corbyn Premierminister wird und er will verhindern, dass es die konservative Partei in Großbritannien völlig aufreibt. 70 Prozent seiner Wähler haben beim Referendum für „Leave“ gestimmt. Er hat eine Art „Lieferverpflichtung“, wenn er Wählerstimmen und Themenführerschaft nicht an die Rechtspopulisten von Nigel Farage abtreten will. Mit seiner „No Deal“-Taktik hat er bereits Neuwahlen im Auge, die er entweder als strahlender Sieger im Kompromiss-Poker mit Brüssel oder als Märtyrer zu gewinnen beabsichtigt.  Wenn sie heute die jammernden Unternehmerverbände fragen was ihnen lieber wäre - ein harter Abgang mit Boris oder 30 Prozent Körperschaftsteuer plus eine Welle von Verstaatlichungen mit Jeremy – herrscht Schweigen im Walde. Abgesehen davon, ist Johnson ein exzentrischer Charismatiker, der es mit Fakten nicht so genau nimmt. Damit erschreckt er uns, kommt aber der etwas verschrobenen Idealvorstellung der Bevölkerung von einem Nationalheiligen ziemlich nahe.

Und wie ist die Situation in Irland, Herr Treml?

Josef Treml: Brexit ist ein Riesenthema in Irland und der Austritt des größten Handelspartners aus österreichischer Sicht mit dem Austritt Deutschlands aus der EU vergleichbar. Vor Ort erfahre ich die unglaubliche Geschlossenheit der irischen Gesellschaft in der Ablehnung einer inneririschen Grenze, aber auch die absolute Überzeugung, mit der Entscheidung im EU-Binnenmarkt zu bleiben, das Richtige zu tun. Wir  erkannten die Chancen, welche der Brexit für österreichische Unternehmen in Irland birgt. Irische Unternehmen begannen kurz nach dem Referendum ihre Lieferantenbasis um kontinentaleuropäische Unternehmen zu erweitern. Die Abhängigkeit vom Vereinigten Königreich soll reduziert werden. Eine Kerbe, in die das AußenwirtschaftsCenter Dublin mit Informationsveranstaltungen und Beratungen schlägt. Investitionen in die Infrastruktur, Erneuerbare Energien sowie Urban Technologies sind insbesondere für österreichische Firmen interessant, die hier von irischen Geldern profitieren, welche die negativen Auswirkungen des Brexit auf das agrarische geprägte Hinterland mindern sollen.

Profitiert Irland auch weiterhin von den engen Verbindungen oder wird sich der Brexit negativ auswirken?

Treml: In Irland spricht man von sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen. Gesellschaftlich befürchtet man Auswirkungen auf das Zusammenleben an der gemeinsamen inneririschen Grenze, sowie ein Wiederauf- flammen der Gewalt in der Auseinandersetzung zwischen den Protestanten und der katholischen Minderheit in Nordirland. Wirtschaftlich ist das Bild differenziert zu betrachten. Die Irish Central Bank rechnet im Fall eines harten Brexit mit einer Reduktion des BIP-Wachstums um +/- vier Prozent auf eine schwarze Null; bei einem Deal halbiert sich der Verlust auf minus zwei Prozent. Mit großen Problemen rechnet man allerdings für die irischen Agrar- und damit verbunden der Nahrungs- und Genussmittelindustrie.  In Kombination mit den WTO-Zöllen werden hier gröbere Verwerfungen erwartet, insbesondere für Produkte wie Cheddar Käse, der fast ausschließlich für den britischen Markt produziert wird. Irland und die irische Wirtschaft werden immer eng mit der britischen Volkswirtschaft verflochten bleiben, alleine die geografische Nähe, die gemeinsame Sprache und die lange gemeinsame Geschichte sprechen Bände. Viele irische Unternehmen nutzen die Gelegenheit, sich wirtschaftlich vom großen Bruder zu emanzipieren und ihre Exportmärkte zu differenzieren – im Falle der nächsten Krise ein Vorteil

Wie sind die österreichischen Exportbetriebe und die heimischen Niederlassungen im Vereinigten Königreich vom Brexit betroffen?

Kesberg: Die Niederlassungen, die produzieren, assemblieren und den eigenen Vertrieb in der Hand haben und Lieferanten, die im großen Volumen Geschäfte mit dem Vereinigten Königreich machen, sehen der Zukunft gelassen entgegen. Sie sind so gut vorbereitet, wie es ökonomisch sinnvoll ist, haben Lagerkapazitäten, so weit es geht, ausgebaut, alternative Transportrouten gebucht, ihre Lieferkette überprüft und Fachwissen im Unternehmen aufgebaut. Vielfach wurden dabei auch Beratungsleistungen von Rechtsanwälten und Steuerberatern in Anspruch genommen. Viele sind Nischenspieler, die gut schlafen, weil sie kaum substituiert werden können und wenn überhaupt, nur gegen Mitbewerb aus dem Euro-Raum antreten. Schwieriger ist die Situation bei KMU, die sporadisch und in geringem Umfang liefern und die eine Auseinandersetzung mit der komplexen Veränderung von Rahmenbedingungen oft vor schwer zu bewältigende personelle und finanzielle Herausforderungen stellt. Für viele von denen ist schon die Abwicklung eines Drittlandgeschäftes eine Hürde. Ziel unserer Informationskampagnen war es daher, v.a. bei diesen Unternehmen zumindest das Bewusstsein für Veränderungen zu schärfen und sie über die bestehenden Beratungs- und Unterstützungsangebote zu informieren.

Welche Services bietet die Wirtschaftskammer den betroffenen österreichischen Betrieben und den Niederlassungen vor Ort?

Kesberg: EU-Stabsabteilung und das Außenwirtschafts- Center London haben sehr frühzeitig Problemzonen identifiziert, Checklisten für Unternehmen erstellt, Geschäftsfälle auf „Achillesfersen“ abgeklopft und Handlungsempfehlungen formuliert. Gerade in dieser Krise hat sich gezeigt, wie sehr und rasch sich die breite Expertise der Fachabteilungen der Wirtschaftskammer Österreich und das Fachwissen der Sparten und Fachverbände in Zusammenspiel mit einer starken Vertretung in London zu einem umfassenden und kompetenten Informationsangebot für österreichische Unternehmen verdichten lässt.

Danke für das Gespräch!

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