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„Zeitenwenden sind vor allem auch ein Anfang“

Wirtschaftsvordenker und Trendforscher Franz Kühmayer sagt mit Blick auf die Pandemie, man dürfe das Geschehene nicht abhaken, sondern müsse es vielmehr als Sprungbrett verstehen. Ein Gespräch mit dem studierten Physiker über den „Dis.kurs Zukunft“, über Innovation – und „das Wissen um die eigene Verletzlichkeit“.

Kühmayer auf einer Bühne
© Franz Kühmayer Trendforscher Franz Kühmayer: „Wir dürfen das Geschehe nicht abhaken, wir müssen es als Sprungbrett verstehen.“
Herr Kühmayer, hat die Pandemie gezeigt, wie in dieser komplexen Welt das eine vom anderen abhängt?
Ja. Wir haben in dieser Krise gemerkt, dass alles mit allem zusammenhängt und dass die Verantwortung des Einzelnen über seinen persönlichen Einflusskreis hinausreicht. Der Mensch ist nicht nur seines eigenen, sondern auch des anderen Glückes Schmid. Und wenn man ein bisschen tiefer schürft, dann könnte man sagen, dass eine Krise stets auch so etwas ist wie ein Offenbarungseid - ein Offenbarungseid für unsere persönliche Verfasstheit, aber auch für die Verfasstheit von Wirtschaft und Gesellschaft. Doch Krisen sind nicht nur eine Dekonstruktion des Alltags, sie sind vor allem auch ein Anfang. Und deshalb müssen wir dringend anfangen, in Zusammenhängen zu denken.

Die Menschen dürften in dieser Krise gemerkt haben, dass Wirtschaft und Gesellschaft untrennbar miteinander verbunden sind…
Ich glaube schon. Denn Krisen sind nicht nur ein Charaktertest, sondern auch so etwas wie ein Beziehungsgestalter. In den Beziehungen liegt die Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Wir Menschen haben uns nicht nur gemerkt, wie, sondern vor allem auch mit wem wir durch diese Krise gegangen sind. Wer war da für uns? Wer hat uns unterstützt? Das gilt für den einzelnen Menschen, das gilt für Organisationen, das gilt aber auch für Unternehmen. Gerade dort hat man ja sehr wohl registriert, welche Geschäftspartner und Kunden auch in dieser Krise präsent waren, obwohl sie aus vertraglichen Gründen in einer derartigen Ausnahmesituation auch die Beziehungen hätten lösen können. Dieser Beziehungsgestalter ist damit auch ein Zukunftsgestalter. Wir gehen aus dieser Krise mit dem Gefühl heraus, ganz genau zu wissen, auf wen wir uns verlassen können – und mit wem wir deshalb in Zukunft auch weiter zusammenarbeiten wollen.

Der Diskurs diskutiert unter breiter Einbindung der Unternehmerschaft Themen wie Regionalität, Nachhaltigkeit, Digitalisierung. Sind das relevante Zukunftsthemen?

Das sind absolut entscheidende Zukunftsthemen. Wir sprechen in der Trendforschung da von Glokalisierung, also dem Verschmelzen von Lokalen und Globalen. Wo verorten wir uns im regionalen und im globalen Kontext? Nachhaltigkeit ist wiederum nicht nur als Bio- und Ökogedanke zu sehen, sondern auch als Frage, was wir als Menschen und als Unternehmen hinterlassen wollen. An welche unserer Geschichten und an welche unserer Taten soll man sich erinnern können? Und die Sprengkraft der Digitalisierung ist schlichtweg unerschöpflich, weil sie uns nicht nur zu technologischen, sondern auch zu sehr menschlichen Fragen führt – zu Fragen nach dem Menschsein an sich.

War die Pandemie ein Innovationsbeschleuniger?

Ja, das war sie. Beispielsweise hatten wir binnen Monaten Impfstoffe, die Geschwindigkeit, mit der Wissenschaft und Forschung reagiert haben, war atemberaubend. Ich streu aber ein bisschen Salz in diese grundsätzlich frohe Botschaft des Innovationsbeschleunigers hinein, weil sich – wenn ich auf digitales Arbeiten schaue – doch an der einen oder anderen Stelle das Gefühl durchgesetzt hat: ‚Jetzt wissen wir, was Digitalisierung bedeutet, weil wir gelernt haben mit Zoom und Teams und anderen Tools zu arbeiten.‘ Und nichts könnte weiter von der Wirklichkeit und der Wahrheit entfernt sein. Wir stehen bei der Digitalisierung am Anfang, nicht am Ende des Prozesses. Was gut funktioniert hat, soll uns Kraft geben, allerdings dürfen wir in unseren Bemühungen jetzt nicht nachlassen. Auf keinen Fall! Wenn diese unmittelbare Krise vorbei sein wird, werden wir Gelegenheit haben, die Zukunft mit einem breiteren Pinsel zu zeichnen. Wir dürfen das Geschehe nicht abhaken, wir müssen es als Sprungbrett verstehen.

Was wird darüber hinaus bleiben von dieser Krise?

In einer ersten Näherung bleibt die Erkenntnis unserer Verletzlichkeit. Es gibt im Wienerischen den Spruch ‚Es sind schon Hausherren gestorben‘, damit ist gemeint, niemand kann so erfolgreich sein, als dass er nicht doch in eine große Krise hineinrutschen könnte. Die Disruption dieser Krise hat gezeigt, dass auch ein starker Wirtschaftsstandort und ein absolut prosperierendes Land sehr hart getroffen werden können. Aber wenn wir diesen Monaten etwas Positives abgewinnen wollen, dann ist es gerade dieses Wissen um die eigene Verletzlichkeit. Dieses größere Wissen kann uns fitter machen.

Es ist also das Wissen um die eigenen Schwächen – und die eigenen Stärken, das über den weiteren Weg entscheidet?
Ja, absolut. So wie diese Pandemie unsere Schwächen offenbart hat – wir hatten zuvor ja über einen Offenbarungseid gesprochen – so hat sie auch unsere Stärken offenbart. Wenn man es salopp formulieren mag, könnte man sagen, dass diese Pandemie auch der größte ungeplante Pilotversuch zum Thema ‚Veränderung der Arbeitswelt‘ war, den die Welt jemals gesehen hat. Und das von einem Tag auf den anderen. Von einem Tag auf den anderen mussten beispielsweise Büroarbeit, Handel und Gastronomie anders funktionieren; ohne dass die Menschen ins Büro oder ins Gasthaus kommen konnten, ohne dass Geschäfte geöffnet waren. Wir haben in dieser Zeit auch Stärke, Flexibilität und Innovationsgeist gezeigt. Es hat nicht alles funktioniert, natürlich nicht; aber es hat erstaunlich viel funktioniert. Auch das muss uns bewusst sein.

Viele würden gerne zurückkehren, würden die Zeit der Pandemie vergessen machen. Sie aber warnten in einem Essay in Thema Vorarlberg vor der ‚undifferenzierten Sehnsucht an frühere Zeiten‘ …
Nicht nur wir Trendforscher beschäftigen uns mit der Zukunft, es beschäftigen sich alle Menschen mit der Zukunft. Der Mensch ist ein prognostisches Wesen, unser Gehirn hat einen Vorwärtssinn. Allerdings versucht unser Gehirn, diesen Vorwärtssinn mit der Vergangenheit zu verankern, der Mensch stellt sich stets die Frage: ‚Wir war denn das früher?‘ Doch dieses Zurückschauen, das ist das Vertrackte, verklärt. Wir haben den Eindruck, früher war die Welt einfacher, langsamer, weniger komplex.

Und dabei?
War früher nicht alles besser. Früher war einfach nur früher. Die Welt war nicht besser, ganz im Gegenteil. Die Daten sprechen da eine eindeutige Sprache. Wenn also jemand sagt, lasst uns dort weitermachen, wo wir im März 2020 in vollem Lauf unterbrochen worden sind, dann sage ich: Nein! Die Welt hat sich verändert, daher muss sich auch der Mensch und die Organisation verändern. Wir haben Neues auszuprobieren, wir haben zu experimentieren, wir haben zu lernen, wir brauchen keine Verwalter des Geschehenen, sondern Gestalter des Neuen. Jetzt ist die Zeit, ein neues Spiel zu spielen!

Vielen Dank für das Gespräch!


Interview: Andreas Dünser

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