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„Wir tendieren dazu, Kontrollillusionen zu unterliegen“

Der gebürtige Vorarlberger Prof. Dr. David Stadelmann über die Begriffe Innovation, politische Kontrollillusion und Planbarkeit – und wie damit in Vorarlberg umgegangen werden kann.

David Stadelmann ist seit 2013 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth – dem Ruf an den Lehrstuhl folgte der Sibratsgfäller bereits mit 29 Jahren.
© Universität Bayreuth David Stadelmann ist seit 2013 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth – dem Ruf an den Lehrstuhl folgte der Sibratsgfäller bereits mit 29 Jahren.

Beim JWV-Event „Nachdenken!“ in Dornbirn sprachen Sie am Mittwoch unter anderem über den Begriff „Innovation“ in Wirtschaft und Politik. Was ist Innovation?

Innovation bedeutet Erneuerung. Dabei ist Innovation zentral für Wachstum, Wohlstand und menschliche Entwicklung im Allgemeinen. Uns geht es heute viel besser als vor 50 Jahren, dank Innovationen in Wirtschaft und Politik. Wenn es uns, unseren Kindern und Kindeskindern weiterhin gut gehen soll, dann müssen wir heute noch bessere Bedingungen schaffen, die Innovationen ermöglichen. Zu diesen Bedingungen zählen vor allem ein wettbewerbliches Umfeld und Vielfalt.

Innovation ist nicht „politisch planbar“, wie Sie unter anderem am Beispiel Airbus A380 und der Solarindustrie erklärten – warum?

Wir tendieren dazu, Kontrollillusionen zu unterliegen und glauben, dass Innovationen absehbar oder gar planbar wären. Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern insbesondere für die Politik. Sogenannte Schlüsseltechnologien von morgen sind heute jedoch nicht als solche erkennbar. Politische Entscheidungsträger haben denkbar schlechte Anreize, zukünftige Technologien wirklich zu identifizieren, denn es steht ja nicht ihr eigenes Geld auf dem Spiel und die Technologie würde ohnehin erst in 20 Jahren relevant, wenn sie nicht mehr im Amt sind. In der Praxis wird daher mit öffentlichen Mitteln das subventioniert, was in die Ideologie passt und die kurzfristig Interessengruppen befriedigt. Besser wäre es, Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass verschiedenste Arten von Innovationen möglich sind.

Welche Rollen spielen „Vielfalt“ und „Wettbewerb“?

Sie gehören zu den Rahmenbedingungen für Innovation. Wettbewerb und Vielfalt sind  Disziplinierungs- und Entdeckungsinstrumente. Vielfalt ermöglicht Vergleiche und dient der Inspiration. Ein wettbewerbliches Umfeld führt dann dazu, dass Innovationen in Produkte umgesetzt werden, die den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Aus meiner Sicht gehören Wettbewerb und Vielfalt zu den  Stärken von Vorarlberg. Handwerk, Industrie, Gewerbe, Dienstleistung und Landwirtschaft stellen eine breite Vielfalt dar. Der Wettbewerb mit vergleichsweise starken Nachbarregionen führt dazu, dass man in Vorarlberg immer weiß, dass es noch besser gehen könnte.

Wie sieht es in Sachen innovative Politik am Wirtschaftsstandort Vorarlberg aus?

Vorarlberg ist schon recht erfolgreich. Allerdings darf sich die Region nicht mit den abgehängten in Österreich oder Deutschland vergleichen. Der Vergleich muss mit den Erfolgsregionen in Europa stattfinden. Diese sind zum Glück auch in unserer Nachbarschaft zu finden, was gleichzeitig den Wettbewerbsdruck erhöht. Um die Region noch erfolgreicher zu machen, braucht es noch mehr Wettbewerb und Vielfalt – auch in der Politik. Föderalismus im Sinne echter Dezentralisierung mit Ausgaben- und Steuerautonomie wäre für Vorarlberg ein Innovationslabor, insbesondere wenn die Gemeinden noch autonomer werden. Schon heute können wir als Region von den Nachbarn lernen. Mit mehr Föderalismus könnten wir noch mehr selbst gestalten. Ein weiterer Reformmotor ist direkte Demokratie, sie erhöht die Themenvielfalt und wirkt wie ein Blitzableiter, da bestimmte Einzelthemen unabhängig von politischen Parteien aufgegriffen werden können.
Wie wirken sich die vielen Probleme innerhalb der EU auf uns aus? Sie plädierten in einem Artikel im „Schweizer Monat“ für „mehr Europa und weniger Brüssel“.
Europa hat immer noch viele Probleme und die Wachstumsperspektiven sehen nicht sehr rosig aus. Die Gemeinschaft braucht dringend mehr Dezentralisierung und muss den Einfluss der Bürger stärken. Ein Hauptgrund für Korruption, tiefe Steuermoral und schlechte regionale Standortpolitik in vielen EU-Ländern ist Überzentralisierung. Wenn fast das gesamte Steueraufkommen zuerst in die Hauptstadt fließt und dann über einen undurchsichtigen Verteilkampf zurück an die Regionen, hat niemand einen Anreiz, sich für Steuermoral oder gute regionale Politik einzusetzen.

Wie kann Vorarlberg von seiner unmittelbaren Nähe zu Top-Standorten profitieren, was kann man sich abschauen?

Die Lebensqualität in Vorarlberg ist hoch. Trotzdem sind Vergleiche zentral und man kann überall etwas lernen: Mir wurde zum Beispiel kürzlich gesagt, dass man im Bregenzerwald besser Schneepflügen würde als im Allgäu. Von den Schweizer Nachbarn würde ich mir vor allem die politischen Institutionen als Vorbild nehmen. In Süddeutschland ist interessant, dass man in Gemeinden Bürgermeister wählen kann, die nicht dort ortsansässig sind.

„Zukunftsthemen definieren, erforschen und so der Zeit voraus sein“, so definieren Sie die Aufgabe der Wissenschaft. Wie wird das im Land umgesetzt?

Vorarlberg ist erfolgreich und ich glaube, dass man hier etwas weniger Kontrollillusionen unterliegt als beispielsweise in Wien oder Brüssel. Die Politik ist bodenständiger. Gleichzeitig ist das Potenzial riesig und wir können auf zukünftige Herausforderungen weniger schnell und flexibel reagieren, als es einige unserer Nachbarn können. Auch Österreich braucht mehr Dezentralisierung und mehr Eigenverantwortung.


Interview: Simon Gross