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„Brexitannien in der Covid Aufwachstation“

Wirtschaftsdelegierter Christian Kesberg zur aktuellen COVID-19-Situation in Großbritannien, den Folgen des Brexit und Chancen für österreichische Unternehmen.

Foto von Londons Big Ben
© iStock London, einst Europas Aktienhandelsplatz Nummer 1, hat diese Position an Amsterdam verloren.

Viele gute Nachrichten sind von der „Pestinsel“ in den vergangenen zwölf Monaten ja nicht gekommen. Ein kaputtgespartes Gesundheitssystem mit vielen Vorerkrankten, hohe Bevölkerungsdichte und ausgeprägte soziale Ungleichgewichte waren ein fruchtbarer Boden für ein Virus, das Alte, Arme, Kranke und Bildungsferne härter trifft als andere. Dazu kamen massive politische Versäumnisse und Fehlstellungen. Boris Johnson – der strahlende Sieger der „Get Brexit Done“ Wahlen im Dezember 2019 –  brauchte lange für den Kostümwechsel zum Krisenmanager.

In dem von der Pandemie schwer betroffenen Vereinigten Königreich – mit 128.000 Toten beim Blutzoll trauriger Europameister – erzwang der hohe Leidensdruck allerdings mutige Entscheidungen, die belohnt wurden. Im Frühjahr 2021 fahren die Briten die Ernte einer beispiellosen – aber teuer und mit hohem Risiko erkauften – Impfkampagne und eines konsequenten, viermonatigen Lockdowns ein. Mitte April sind mehr als 50 Prozent der impffähigen Bevölkerung teilimmunisiert und die 7-Tages-Inzidenz liegt landesweit unter 30. Der weiterhin sehr konservative Fahrplan in Richtung eines wirtschaftlichen Normalbetriebes im Juni scheint damit realistisch und mehr auf Schiene als anderswo.  

Trotzdem bleibt die britische Volkswirtschaft eine Baustelle mit Altlasten. Aufgrund lange andauernder Betriebsschließungen auch in Industrie und Bauwirtschaft sank die Wirtschaftsleistung 2020 um 9,9 Prozent. Obwohl weitgehend damit gerechnet wird, dass die Briten erst 2023 – und damit später als viele am Kontinent –  wieder zu den Vorkrisenergebnissen aufschließen können, sorgt die erfolgreiche Impfkampagne für merkbare Aufbruchstimmung und zunehmend optimistischere Prognosen.  Auf jeden Fall sollte die Konsumnachfrage noch heuer kräftig anspringen, während der große Nachrüstungsschub bei den Investitionen erst für 2022 erwartet wird.
Was der Rückkehr in die Gewinnzone jedoch wertvolle Antriebsenergie kostet ist, trotz Weihnachtswunder, der endgültige Abgang der Briten aus EU-Binnenmarkt und Zollunion.

Am 24. Dezember einigten sich die Europäische Union und das Vereinigte Königreich auf ein seichtes und schmalbrüstiges Handels- und Kooperationsabkommen. Wenig ambitioniert und ohne konstruktive Ansätze für zukünftige handelspolitische Zusammenarbeit blieb das Ergebnis innerhalb der engen roten Linien, die die Scheidungsanwälte schon lange um ihre politischen Steckenpferde gezogen hatten. Die Briten kriegen „Souveränität“, aber sonst nicht viel: Keinen Zugang zum Finanzsektor, keine Anerkennung von Berufsqualifikationen und keine diagonale Kumulierung beim Ursprung, was den Fertigungsstandort schwächt. Die EU kriegt Sanktionsmechanismen gegen unlauteren Wettbewerb und gibt’s auch insgesamt nicht billig: Eine Botschaft an Nachahmer in den eigenen Reihen und an alte und neue (Frei)handelspartner. Ganz klein reden darf man die Sache aber auch nicht. Zumindest ist man sich halbwegs „grün“ geblieben. Ein atmosphärisches Fundament für eine geopolitische Partnerschaft zwischen EU und Europas großer Militärmacht in einer Welt, die nicht nur an den Rändern ausfranst, ist auch schon was. Sonst lautet die nüchterne Analyse: Besser als nichts!

Für viele war’s dann doch überraschend wenig: Wunschdenken im Tandem mit der Überlagerung der Brexit- Vorbereitungen durch das Corona-Krisenmanagement sorgten vor allem bei schlecht informierten britischen Unternehmen für böses Erwachen. Ihnen wurde der Beipackzettel mit den Nebenwirkungen der heilbringenden Erlösung aus den Fesseln der Union nur sehr kleingedruckt mitgegeben.

Tatsache ist: Das Freihandelsabkommen stellt zwar Zölle und Quoten für Ursprungswaren auf Null, aber repariert in keiner Weise den Verlust der vier Grundfreiheiten des Binnenmarktes.  Der bisher barrierefreie Spaziergang von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen über die neue Außengrenze im Ärmelkanal wurde über Nacht zum kräfteraubenden und kostspieligen Hürdenlauf. Förmliche Zollverfahren, Einschränkungen bei Montageleistungen und Steuerhürden für Versandhändler sind nur einige der vielen Problemzonen, die vor allem im Drittlandgeschäft unerfahrenen KMU zu schaffen machen.

Irgendwie verblüffend ist es, dass die Briten offenbar nicht so recht wissen, was sie mit der neugewonnenen Freiheit anfangen sollen. Von Singapur an der Themse ist das Land, das bis jetzt – im G7 Vergleich nur übertroffen von den USA – viel Geld für Hilfs- und Unterstützungszahlungen an Unternehmen und Arbeitnehmer ausgegeben hat und für April 2023 bereits eine Erhöhung des Körperschaftsteuersatzes von 19 auf 23 Prozent ankündigen musste, weiter entfernt als je zuvor. Auch sonst liegen ihnen manche Brexit-Nachwehen schwer im Magen: Amsterdam überholt London als Aktienhandelsplatz, die Fischereiexporte kommen zum Erliegen, die Schotten wollen raus aus dem Königreich und nach Hause in die EU und die paradoxe Notlösung für Nordirland, die die Grenzen zur irischen Republik offen halten soll, sorgt für leere Regale in Belfast und eine Eskalation historisch gewaltbereiter Gegensätze.

Für uns ist es insgesamt dabei gar nicht so schlecht gelaufen: Trotz Brexit / Corona Doppelkeule lag der Exportrückgang 2020 im Warenhandel mit -9,7 Prozent im EU- Schnitt. Abgesehen von einem kräftigen Minus bei lohngefertigten Pkw blieb das Liefervolumen im Maschinen- und Anlagengeschäft insgesamt auf dem hohen Niveau von 2019. Der in den Medien kolportierte Einbruch zu Jahresanfang ist auf Lagereffekte zurückzuführen und nicht symptomatisch. Die Schlüsselspieler im Geschäft mit Großbritannien waren gut vorbereitet, haben die Kinderkrankheiten der ersten Wochen ausgesessen und sich auf die neuen Spielregeln eingestellt. In der dichtbesiedelten österreichischen Niederlassungslandschaft halten die Krisengewinner den Verlierern die Waage. 

Zu den alten Aufmarschzonen kommen neue. Großbritannien steuert mit hochdotierten Beschaffungsinitiativen gegen den Konjunktureinbruch. Damit entstehen Geschäftsmöglichkeiten im Infrastruktursektor, in der Gesundheitswirtschaft und im Kielwasser ambitionierter Energie- und Klimapolitik. Im Maschinenbau wird für 2021/22 ein Nachrüstungsschub bei Industrie 4.0-Lösungen erwartet. Das Vereinigte Königreich bleibt der zweitgrößte Markt Europas, ein ergiebiger Wissens- und Kooperationsknoten für Tech-Firmen und Start-ups sowie - über britische Netzwerke und Partner - ein Sprungbrett für Beteiligungen an internationalen Projekten.

Ein erstes Resümee: Das Geschäft wird „post Brexit“ schwieriger und teurer aber weder unmöglich noch unprofitabel und  auch im Hürdenlauf sind mit Training und Ausdauer Goldmedaillen zu gewinnen.

Christian Kesberg
© Alexandra Serra Christian Kesberg ist Wirtschaftsdelegierter in London.

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