th share video content contact download event event-wifi cross checkmark close xing wko-zahlen-daten-fakten wko-wirtschaftrecht-und-gewerberecht wko-verkehr-und-betriebsstandort wko-unternehmensfuehrung wko-umwelt-und-energie wko-steuern netzwerk wko-innovation-und-technologie wko-gruendung-und-nachfolge wko-bildung-und-lehre wko-aussenwirtschaft wko-arbeitsrecht-und-sozialrecht twitter search print pdf mail linkedin google-plus facebook whatsapp arrow-up arrow-right arrow-left arrow-down calendar user home
news.wko.at

„Klimaschutz ist nicht nur eine Frage für Ökologen“

Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber im großen Interview, warum Dekarbonisierung der letzte Ausweg ist, um wie viel der Strom ab Herbst teurer werden wird und was es mit grünem Wasserstoff auf sich hat.

Wolfgang Anzengruber (geb. 1956 in Steyr) ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender der Verbund AG.
© Verbund Wolfgang Anzengruber (geb. 1956 in Steyr) ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender der Verbund AG.
Ein österreichisches Klimaschutz-Ziel ist der Ausstieg aus fossiler Energie. Sie betonen, dass man das Thema Dekarbonisierung nicht nur den Ökologen überlassen dürfe, sondern dieses auch ökonomisch betrachtet werden müsse. Warum?

Anzengruber: Weil sich Klimaschutz rechnet: Eine Nature-Studie hat Einsparungen von 20 Billionen Dollar für die Weltwirtschaft berechnet, sollten wir es schaffen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad statt auf zwei Grad zu begrenzen. Das sind Kosten, die insbesondere durch wetterbedingte Schäden und Gesundheitsprobleme entstehen. Dekarbonisierung ist unser letzter Ausweg und muss daher ein gemeinsames, globales Ziel sein.

Wie bewerten Sie die rot-weiß-rote Klima- und Energiestrategie insgesamt?
Anzengruber:
Wir begrüßen diese, auch wenn sie extrem ambitionierte Ziele vorgibt: So soll der Gesamtstromverbrauch bis 2030 bilanziell aus heimischen erneuerbaren Energien kommen. Dafür braucht es in den nächsten Jahren einen Ausbau der erneuerbaren Energien im Ausmaß von rund 35 TWh. Das sind herausfordernde Dimensionen, die die Nutzung aller bestehenden Potenziale bei Wasser, Wind und Photovoltaik erforderlich macht und uns eine enorme Kraftanstrengung abverlangen wird.

Was bedeutet dieses Mehr an „Öko“ für den Stromsektor?
Anzengruber:
Verbund-Strom kommt nahezu zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Wir haben über 120 Wasserkraftwerke und ein Gas-Kombikraftwerk, das entscheidend zur Stabilisierung des Stromsystems beiträgt. Das letzte Verbund-Kohlekraftwerk wird nächstes Jahr geschlossen. Für einen erfolgreichen Umbau des gesamten Energiesystems in Richtung erneuerbare Energien sind wettbewerbsfähige Energiespeicher das zentrale Thema. Österreich verfügt aufgrund seiner geografischen Lage in den Alpen über große Speicherkapazitäten in Form von Pumpspeichern. Dieses Potenzial gilt es bestmöglich zu nutzen und gleichzeitig neue Speichertechnologien auszubauen: Batteriespeicher, thermische Energiespeicher, Power-to-Gas etc. Gemeinsam mit voestalpine und Siemens arbeiten wir im Projekt H2Future an der Gewinnung und Nutzung von grünem Wasserstoff als Industrie-Rohstoff und zur Energiespeicherung.

Wie steht es um die Versorgungssicherheit im Land?
Anzengruber:
Wir haben in Österreich mit ungeplanten Stromausfällen von unter einer halben Stunde pro Jahr immer noch eine Top-Versorgungssicherheit. Aber die Stromimporte steigen. Sie liegen aktuell bei gut 15 Prozent. Die Handelsbilanz ist also nicht mehr ausgeglichen. Gleichzeitig kommt es zu immer mehr Eingriffen, um das Stromnetz zu stabilisieren. Die Situation wird also zunehmend fragiler. Bedingt ist das durch den Ausbau der volatilen erneuerbaren Energien Wind und Sonne bei gleichzeitigem Ausstieg aus gesicherter Leistung wie fossiler Energie oder nuklearer Energie im Nachbarland Deutschland.

Stichwort Deutschland: Im Herbst erfolgt die Trennung der Strompreiszone. Ein Vorgehen, das Sie kritisieren…
Anzengruber:
Unsere Warnung war immer: Kleinere Märkte bedingen steigende Preise. Die Notierungen für die Strom-Großhandelspreise zeigen schon jetzt klar, dass eine Megawattstunde Strom nächstes Jahr in Österreich um 2,5 Euro teurer sein wird als in Deutschland, 2020 um drei Euro. Eine siebenprozentige Preissteigerung ist für energieintensive Betriebe eine Belastung und schadet dem Wirtschaftsstandort. Obendrein ist es unserer Ansicht nach die falsche Maßnahme, funktionierende Märkte zu trennen und Engpässe einzuziehen, wo physikalisch keine sind.

Bleiben wir beim Blick in die Zukunft: Wohin geht die Reise der Energiewirtschaft? 
Anzengruber:
Lassen Sie mich die Energiezukunft in Schlagworten skizzieren: Energie aus erneuerbaren Quellen, Grünstrom für Mobilität und Wärme, Flexibilität und Effizienz in der Energienutzung, intelligente Speicher und sichere Netze, zentrale Energieunternehmen, die mit dezentralen Prosumern kooperieren, Innovationen und Energie-Dienstleistungen.

Welche Rolle nimmt hier die Steiermark ein?
Anzengruber:
Für die Steiermark bleibt Wasserkraft die bedeutendste Energiequelle. Verbund betreibt 40 Wasserkraftwerke an Mur und Enns, die das Rückgrat der steirischen Stromerzeugung bilden. Unser Gas-Kombikraftwerk Mellach spielt als größtes Kraftwerk im Engpassmanagement eine wichtige Rolle für ganz Österreich und trägt zur Stabilisierung des Stromsystems ganz entscheidend bei.

Zum Schluss ein Blick auf die E-Mobilität: Was wäre, wenn ab morgen alle nur mehr elektrisch unterwegs sind?
Anzengruber:
Hier gibt es ganz klar grünes Licht: Wir haben genug Grünstrom, selbst wenn alle hierzulande auf das E-Mobil umsteigen: Österreich hat einen Pkw-Bestand von 4,75 Millionen Fahrzeugen. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 15 kWh/100km und der Fahrleistung von 35 km/Tag im Schnitt ergibt sich ein zusätzlicher Strombedarf von rund 9 TWh. Das sind etwa 13 Prozent vom österreichischen Gesamtbedarf von rund 70 TWh – und damit absolut schaffbar.

Von Veronika Pranger

Das könnte Sie auch interessieren

  • Handel
Die Energie-Experten Jürgen Roth und Reinhold Mitterlehner diskutieren die Frage, wohin die Reise in der Energiezukunft geht.

„In Zukunft wird mit ,grünem‘ Öl geheizt“

Fossile Brennstoffe werden von allen Seiten scharf kritisiert. Wohin also steuert die Energiezukunft? Fachverbandsobmann Jürgen Roth und Ex-Energie-minister Reinhold Mitterlehner im Gespräch. mehr

  • Information und Consulting
Strategische Positionierung ist vor allem in Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung ein entscheidendes Erfolgskriterium.

Die Digitalisierung braucht Strategie

Beim fünften steirischen „Strategietag“ dreht sich am 24. September alles rund um Positionierung und Digitalisierung. mehr