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EU verliert am Balkan Platzhirsch-Rang

Der südosteuropäische Markt ist für die steirische Wirtschaft von zentraler Bedeutung – auch wenn die Krise Spuren hinterlassen hat. Wie’s weiter geht? Das haben wir Balkan-Experten Christian Wehrschütz gefragt. 

 
Christian Wehrschütz im Interview mit Redakteur Michael Neumayr
© Fischer Christian Wehrschütz im Interview mit Michael Neumayr.

Die steirische Wirtschaft ist mit ihren südlichen Nachbarländern eng verbunden. Glauben Sie, dass die Boom­jahre der Jahrtausendwende je ­zurückkommen? 

Christian Wehrschütz: Die Wirtschaftskrise 2008 hat eine Zäsur gebracht. Es wird schwierig werden, jene Werte zu erreichen, die sie 2004 hatten. Man muss aber die Länder individuell betrachten. Kroatien hat etwa seit acht Jahren einen Wirtschaftsrückgang und demografische Probleme. Zusätzlich hat dort der größte Konzern, nämlich Agrokor, eine Dominanz, die in Österreich nicht einmal Raiffeisen hat. Auf der anderen Seite gibt es Länder, denen es politisch schlecht geht, die sich wirtschaftlich aber gar nicht so schlecht entwickeln, zum Beispiel Bosnien und Herzegowina. 

Da scheitert es aber an der politischen Stabilität... 

Wehrschütz: Genau. Das Kernproblem der Reststaaten Ex-Jugoslawiens ist die politische Krise, die in den meisten Ländern herrscht. Hinzu kommen noch Probleme mit den Nachbarn. Ein Paradebeispiel ist Mazedonien. Hier gibt es nicht nur ein Problem mit Griechenland, sondern auch mit Bulgarien und Serbien. 2015 hat Mazedonien zwar die Rolle des Verteidigers der europäischen Außengrenze gespielt, konnte aber daraus kein Kapital schlagen. Durch die aktuelle innenpolitische Krise könnte es auch zu einem Machtwechsel kommen. Ein spezifisches Problem am Balkan ist, dass es für Politiker im Wesentlichen nur zwei Szenarien gibt. Entweder sie sitzen in der Regierung oder im Gefängnis. Das erschwert natürlich den Machtwechsel. Eine Ausnahme ist hier Milo Djukanovic. Der montenegrinische Premierminister konnte sich aus der Regierung zurückziehen, ohne dass er ins Exil gehen musste. 

Warum ist das in Montenegro besser gelungen? 

Wehrschütz: Montenegro hat durch seine Kleinheit einen Vorteil. Im Grunde braucht jeder Mensch eine Perspektive. Das gilt auch für Politiker und in gewisser Weise auch für Länder. Wenn man sich aber die EU-Beitrittsverhandlungen ansieht, ist das ein Problem. Normal dauert so ein Prozess fünf Jahre. Montenegro hat die Verhandlungen 2012 begonnen und von den 35 Kapiteln sind erst zwei Bereiche absolviert. Das heißt, die Verhandlungen sind wohl erst 2023 abgeschlossen. Gleichzeitig wird die EU unattraktiver. Wir erleben einen wachsenden russischen Einfluss und auch andere Player bringen Geld.

Das heißt, die EU verliert ihre Platzhirsch-Stellung? 

Wehrschütz: Die EU verliert diese Stellung, weil man nicht darstellen kann, was man für die Region leistet. In serbischen Umfragen liegt da ironischerweise Japan relativ weit vorne. Das liegt daran, dass Japan Autobusse gespendet hat, auf denen groß steht: „Mit der Hilfe des japanischen Volkes in Freundschaft zum serbischen Volk finanziert.“ Das fällt im Stadtbild auf. Es gibt keinen einzigen Autobus der EU, auf dem steht: „Wir geben euch im Jahr 200 Millionen Euro.“ 

Welches Risiko geht man als steirisches Unternehmen am Balkan ein? 

Wehrschütz: Das klingt vielleicht überraschend, aber ich glaube nicht, dass das Risiko viel größer ist, als wenn man in Griechenland investieren will. Ein gutes Unternehmen wird sich gute Mitarbeiter vor Ort suchen. Es wird auch darauf achten, einen guten Mitarbeiter hinzuschicken, der die Bedingungen dort versteht. Ich war immer wieder überrascht, wie wenig die Unternehmen darauf Wert legen. 

Kommen wir zur Ukraine. Sollte man jetzt überhaupt die Fühler dorthin ausstrecken?

Wehrschütz: Wenn man die Krim dazurechnet, sind vom Krieg und der Annektion nur sieben Prozent des Territoriums betroffen. Das heißt, wenn man in der Westukraine investieren will, ist der Krieg das geringste Problem. Da geht es eher um Korruption und Bürokratie. Das, was man in der Ukraine braucht, um ein Bankkonto zu eröffnen, braucht man in Österreich – das auch nicht unterbürokratisiert ist – wohl, um eine Bank zu kaufen. Ich glaube trotzdem, dass jetzt die richtige Zeit ist, um in die Ukraine zu gehen. Vorausgesetzt, man geht es nicht ganz patschert an.  

Das heißt, die Ukraine hat vor allem ein Imageproblem? 

Wehrschütz: Es gibt ein enormes Imageproblem, weil es immer nur um Oligarchen und um den Krieg geht. Die Ukraine ist besser als ihr Ruf, man muss ja nicht in Donezk investieren. 

Sie gehen als Journalist dort hin, wo es gefährlich ist. Wie gehen Sie damit um? 

Wehrschütz: Wir sind zu dritt und wir planen so gut wie möglich. Wir sind uns aber bewusst, dass wir, wenn wir in eine Stadt fahren, die von Artillerie beschossen wird, in Gottes Hand sind. Da bleiben im Zweifelsfalls mit Splitterschutzweste drei Gramm mehr von uns übrig als ohne. Man muss sich immer bewusst sein, dass es ein Restrisiko gibt, das man nicht ausschließen kann. 

Interview: Michael Neumayr, michael.neumayr@wkstmk.at

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