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„Auf der digitalen Welle muss man mitsurfen“

Andritz-CEO Wolfgang Leitner im Interview, wie Old Economy und Digitalisierung einhergehen, an welchen Bürokratie-Hürden selbst ein Global Player scheitert und welche Gefahr die fehlende EU-Industriepolitik darstellt.

Seit 1994 ist Wolfgang Leitner Vorstandsvorsitzender der Andritz AG.
© Andritz-Croce-Wir Seit 1994 ist Wolfgang Leitner Vorstandsvorsitzender der Andritz AG.

Sie sind 1987 zur Andritz gekommen – also zu einer Zeit, als sich das Unternehmen neu aufstellen musste. Heute führen Sie diesen Global Leader. Hätten Sie sich eine solche Entwicklung damals vorzustellen gewagt?
Leitner: Mit Sicherheit nicht. Ich war damals bei McKinsey und ein Kollege hatte mich gebeten, als Finanzvorstand zur Andritz zu kommen, um ein neues Finanzkonzept zu erstellen. Damals habe ich aber gerade mit meinem Partner die Genericon gegründet – ausgemacht waren deshalb nur zwei Jahre. Jetzt bin ich seit dreißig Jahren hier.

Ihr Pharma-Unternehmen war dann auch die Möglichkeit, das Führungsruder in der Andritz zu übernehmen…
Leitner: Genau. Das Osteuropageschäft wurde an die Börse in Budapest gebracht und einige Jahre später durch einen amerikanischen Pharmakonzern erworben. So konnte ich dann gemeinsam mit anderen Investoren Andritz 1999 übernehmen. Als wir sie 2001 an die Börse gebracht haben, lag die Bewertung, also die Marktkapitalisierung, bei gut 270 Millionen Euro. Heute stehen wir bei vier bis fünf Milliarden: Es hat sich also ganz gut entwickelt.

Was war für diese gute Entwicklung verantwortlich?
Leitner: Unter anderem unsere schnelle Ausbreitung quer über die Kontinente. Man muss vor Ort sein, wenn man Kunden von seiner Arbeit überzeugen will. Heute ist rund ein Drittel unserer Mitarbeiter in Emerging Markets tätig, weil sich hier enorm viel bewegt. Allein in den letzten 15 Jahren eröffneten sich beispielsweise riesige Kapazitäten in China. Fast 70 Prozent aller neuen Wasserkraftanlagen wurden dort gebaut, auch knapp 80 Prozent aller neuen Papierfabriken und mehr noch im Bereich Edelstahl. Wären wir also als Anlagenlieferant nicht bereits so stark in Asien vertreten gewesen, würden wir heute garantiert nicht in dieser Größe am Markt agieren.

Viele scheuen den Schritt nach China…
Leitner: Natürlich gibt es schwierige Themen wie Überkapazitäten, Dumpingpreise oder Know-how-Abfluss. Aber meine Meinung ist, dass an all jenen, die aufgrund dieser Befürchtungen den Schritt nach China nicht gewagt haben, der wohl größte Markt vorbeigegangen ist.

Chancen auf der einen und Bedrohungen auf der anderen Seite – ein Bild, das Ihrer Meinung nach auch auf die Digitalisierung zutrifft?
Leitner:
Ja, deshalb gilt es, schnell zu sein und Chancen auch zu nutzen. Man muss auf der Digitalisierungswelle mitsurfen und darf sich nicht von ihr verschlucken lassen.

Wo setzen Sie hier an?
Leitner:
Wir arbeiten daran, Prozesse stabiler zu machen, im Vorfeld mögliche Breakdowns zu erkennen und damit die Verfügbarkeit der Fabrik zu erhöhen. Für diese vorausschauende Instandhaltung sind Sensorik, Augmented Reality sowie Datenanalyse mittels künstlicher Intelligenz wesentliche Felder. Im Bereich dieser neuen Technologien setzen wir auch stark auf interne Start-ups.

Wie weit ist Ihr Projekt zur autonomen Zellstoff-Fabrik?
Leitner:
Wir sind auf einem sehr guten Weg, eine Fabrik zu schaffen, die autonom, optimal, 365 Tage im Jahr und 24 Stunden pro Tag gefahren werden kann. Wir verkaufen bereits heute reine Softwarepakete zum optimalen Betrieb solcher Anlagen. Und das mit großem Erfolg. Und der Kunde erzielt mit dem Einsatz unseres Softwarepakets einen hohen finanziellen Nutzen. Damit sind wir weltweit führend, und wir wollen das auch weiter ausbauen.

Wird das Andritz-Business also komplett digital?
Leitner:
Nein, unsere Basis ist und  bleibt die Old Economy, die weder altmodisch noch stagnierend ist. Im letzten Jahr haben wir in Brasilien die weltweit modernste Zellstoff-Fabrik errichtet. Ich sage gleich dazu: Sie liegt nicht im Amazonasgebiet, es wurde kein Dschungel abgeholzt und dem Bau gingen sämtliche Umweltverträglichkeitsprüfungen voran.

Auch am Standort Graz wurde vor Kurzem gebaut…
Leitern:
Ja, in unsere Tissue-Pilotanlage haben wir knapp 20 Millionen Euro investiert und Kunden aus aller Welt kommen für Tests hierher. Damit aber geht auch ein enormer bürokratischer Aufwand, den uns die Entsenderichtlinie abverlangt, einher. In der Andritz-Gruppe haben wir zwei Leute alleine für Entsendungen innerhalb Europas eingestellt.

Damit liefern Sie das Stichwort zu Zellstoff Pöls…
Leitner:
Wir hatten dort eine Baustelle mit einem Auftragswert von 1,3 Millionen Euro, die wir an eine kroatische Firma übergeben haben. Doch die Bezirkshauptmannschaft ist der Meinung, dass es sich um eine Arbeitskräfteüberlassung handelte. Dafür wurden wir vier Vorstände – jeder für sich privat – zu einer Verwaltungsstrafe von je 5,5 Millionen Euro verurteilt. Das muss man sich einmal vorstellen: Aus einem 1,3-Millionen-Auftrag resultierte eine Strafe von 22 Millionen Euro! Diese ist aber noch nicht wirksam, sie liegt nun beim Europäischen Gerichtshof.

Unterm Strich: Wie beurteilen Sie den Standort Österreich?
Leitner:
Ich möchte festhalten, dass in Österreich sehr vieles auch sehr gut ist – etwa die Kompetenz der Mitarbeiter. In anderen Bereichen ist es aber schwieriger. Wenn ich etwa in China eine Werkshalle bauen will, bekomme ich die Genehmigung in einem Monat. Dem entgegen steht unser Problem am Grazer Headquarter in Andritz, wo es unmöglich ist, unseren Parkplatz zu erweitern.

Harte Worte. Wobei andere Industrie-Größen mit Bürokratie-Hürden öffentlich sogar härter ins Gericht gehen. 
Leitner:
Das ist nicht meine Art. Was ich aber dazu sage, ist, dass wir aufpassen müssen, den Bogen mit weiteren Erschwernissen im unternehmerischen Tun nicht zu überspannen. Ich habe hier langfristig doch große Sorge in Hinblick auf die EU, in der eine echte Industriepolitik gänzlich fehlt. Es besteht schlicht keinerlei Inte­resse daran, sicherzustellen, dass wir im Wettbewerb gegen andere Länder langfristig bestehen können. Und dieses Versäumnis kann zu einem ernsthaften Problem werden. Damit meine ich nicht die Andritz. Wir haben weltweit 250 Standorte und können überall ausbauen. Aber diese Möglichkeiten hat nicht jeder.

Ihr Wirtschaftsausblick für die kommenden Jahre?
Leitner:
Im Augenblick ist die Projekt-Aktivität ganz gut und es wird einiges investiert, weil das Geld billig ist. Aber natürlich gibt es zahlreiche Blasen – an der Börse oder in gewissen Bereichen auch in China. Ob das dann in einen kontrollierten Abkühlungsprozess mündet oder in neue Krisen, werden wir sehen. Und wenn wir schon von Krisen sprechen wollen, dann müssen wir auf Europa blicken: Hier erwarten uns alle nicht nur mehr, sondern auch weitaus größere Krisen, denen wir uns zu stellen haben.

Eine dieser Krisen zeichnet sich aktuell bereits im Bereich des Freihandels ab. Wie sehr betreffen die neuen US-Zölle Ihr Unternehmen?
Leitner:
Wir handeln nicht, wir bauen. Grob gerechnet konstruieren und bauen wir 50 Prozent selbst, die weitere Hälfte kaufen wir zu. Letzteres ermöglicht uns schon eine gewisse Flexibilität, indem wir dann eben in jenen Ländern zukaufen, die das von uns verlangen. Aber natürlich sind wir von Zollthemen generell ebenso betroffen wie auch von zahlreichen anderen Entwicklungen – etwa jenen im Iran oder der Oligarchen-Liste in Russland. In unserer Export-Abteilung werden deshalb die jeweiligen Handelsbestimmungen respektive -beschränkungen immer akribisch geprüft. Wir sind weltweit unternehmerisch tätig und gehen deshalb keinerlei Risiko ein – denn einen Eintrag in eine Blacklist können und werden wir uns nicht leisten.

Wolfgang Leitner, CEO Andritz AG
Seit 1994 ist Wolfgang Leitner (geb. 1953 in Graz) Vorstandsvorsitzender der Andritz AG. Der Chemiker ist ebenso Gründer der Genericon Pharma und war Unternehmensberater bei McKinsey sowie Forscher bei Vianova/Hoechst.

Von der Gießerei zum Global Player
1852 wurde die heutige Andritz AG von Josef Körösi als kleine Eisengießerei im Grazer Norden gegründet, wo sich bis heute die Zentrale des mittlerweile internationalen Technologiekonzerns befindet. Weltweit betreibt der global führende Maschinen- und Anlagenbauer (Hydro, Pulp&Paper, Metals und Separation) 250 Standorte in 40 Ländern und beschäftigt rund 25.500 Mitarbeiter (13 Prozent in Österreich). Zuletzt setzte das Unternehmen knapp sechs Milliarden Euro um. Alle weiteren Infos auf: www.andritz.com

Interview: Veronika Pranger

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