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"Wirtschaftskrise war selbstinduziert"

Sozialforscher Bernd Marin im Gespräch, warum der ökonomische Zusammenbruch in der Corona-Pandemie selbstverschuldet war und warum die Rückkehr zur Normalität nicht überall unbedingt der richtige Weg ist.

Bernd Marin
© Grand Soleil_WikimediaCC Bernd Marin ist Gründer und Direktor des Eurpopäischen Bureaus für Politikberatung und Sozialforschung in Wien.

Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Die Welt danach. Leben, Arbeit und Wohlfahrt nach dem Corona-Camp“. Was ist darunter zu verstehen? 

Bernd Marin: Im Buch werden die Chancen und Risiken der Gesellschaft nach der Pandemie und Quarantäne  analysiert – all das bei wahrscheinlichem Fortbestehen einer medizinisch gezähmten Virenplage, mit Impfschutz, wirksamerer Seuchenbekämpfung und vielen wirtschaftlichen und sozialen Innovationen als Folge des Krisenmanagements.

Wo hat Corona für die gravierendsten Probleme gesorgt?

Marin: Das größte Problem war und ist die durch missglückte Pandemieprävention ausgelöste Weltwirtschaftskrise. Das war völlig anders als bei der globalen HIV/AIDS-Pandemie in den 1980er/1990er-Jahren. 2020 war der schwerste, selbstinduzierte Zusammenbruch unserer Ökonomien seit 1929, in der akutesten Seuche seit 1918/1919. Die Folgeschäden hundertmillionenfach unfreiwilliger Inaktivität – Massenarbeitslosigkeit und Massenerwerbslosigkeit, die vier bis fünf Mal so hoch ist wie die Arbeitslosigkeit selbst – sind die schwerwiegendsten menschlichen und finanziellen Kosten dieser Wirtschaftskrise. 

Sie sagen, die Krise ist selbstinduziert. Was wurde also konkret verabsäumt?

Marin: Vor allem jede Pandemievorsorge, langfristige Frühwarnsysteme, rechtzeitige Präventionspläne, korrekte Risikobewertung und verständliche Krisenkommunikation. Auch ein vereinteres Europa – nicht nur bei Beschaffung von Schutzmaterial, Impfstoffen und Marktmachtentwicklung. 

Wer aber ist dafür verantwortlich, wen nehmen Sie hier in die Pflicht?

Marin: Fast alles Versagen haben die Mitgliedsländer, nicht die EU zu verantworten – zuletzt etwa die nationalen Impfkörbe, die gemeinsamen Einkauf zunichte machten. Kritische Perioden – Jänner, Februar, Juni bis Oktober 2020 – wurden schlicht „verschlafen“, exponentielles Infektionsgeschehen wurde allzu lange übersehen.

Unter der Prämisse „Koste es, was es wolle“ hat die Regierung viele teure Unterstützungsmaßnahmen initiiert. Wer wird das bezahlen?

Marin: Die Rechnung müssen immer die Steuerzahler, also wir alle, begleichen. Offen ist vorerst nur noch die Verteilung der Lasten zwischen verschiedenen Gruppen der Bevölkerung. Zum Glück kostet „Was es wolle“ derzeit weniger denn je – alles andere wäre auch eine fiskalische Katastrophe.

Corona hat die Art zu arbeiten ja massiv verändert. Jetzt geht es zurück zur „Normalität“. Ist das der richtige Weg?

Marin: Die Krise ist gleichzeitig auch Treiber und Beschleuniger disruptiver Umwälzungen. Wir sahen hier sicherlich erst den Beginn der Innovationen. So viel angeblich Unmögliches wurde ab März 2020 in wenigen Wochen umgesetzt – und das gilt nicht nur etwa für die große Mehrheit der viertel Million Arbeitnehmer bei Siemens, dem mit 173 Jahren ältesten Industriekonzern Europas, sondern quer durch sämtliche Betriebsgrößen und Branchen. Natürlich ist dieses „Zurück zur Normalität“ eine mitunter verständliche Sehnsucht, sie ist aber weitgehend unmöglich – und nicht empfehlenswert, sofern alte Gewohnheiten abnorm teuer und selbstzerstörerisch waren. 

Was meinen Sie damit?

Marin: Man erinnere sich nur an die sinnlose Zwangsmobilität der „Busy-Classes“ bis weit in den Mittelstand hi-nein: hektische Wochenend- und Kurzstreckenfliegerei, exzessive Business-Reisen für kurze Meetings quer über den Kontinent oder gar den Planeten. Jetzt haben wir gesehen: Ruhigere Meeting-Rhythmen über Telearbeit mit gelegentlicher Büro-Präsenz tun’s auch – und sind viel produktiver und beidseits befriedigender. Ich war immer ein Verfechter viel flexiblerer, ortsunabhängiger, mobiler, individueller Wahlarbeitszeitmodelle.

Was hat die Pandemie mit der Gesellschaft gemacht?

Marin: Es hat sie, wie im Brennglas, bis zur Kenntlichkeit entstellt. Beide Extreme der menschlichen Natur, das Beste und das Mieseste unserer Spezies, wurden sichtbar. 

Wechseln wir zu einem weiteren Schwerpunkt Ihrer Forschungsarbeit, dem Pensionssystem: In den letzten 15 Jahren haben sich die Altersstrukturen massiv verschoben, was sich auch im Fachkräftemangel widerspiegelt. Wie lange kann das noch gutgehen?

Marin: Die Ungleichgewichte im Generationenvertrag hält das Pensionssystem ja schon längst nicht mehr aus. Und auch wenn Corona in vielen Bereichen für schnelle Veränderungen sorgt und Neues rasch vorantreibt – wie etwa die Art, wie wir arbeiten –, so wird die Krise, fürchte ich, den dringend nötigen Neustart bei der Pensionssystemreform wohl leider nicht auslösen. Was den Fachkräftemangel betrifft, so ist das aus meiner Sicht aber keine Frage der Altersstrukturen, sondern eine Frage der Qualifikationen und der Mobilitätschancen.


Bernd Marin ist Gründer und Direktor des Eurpopäischen Bureaus für Politikberatung und Sozialforschung in Wien, Autor und Gastprofessor an Hochschulen und Universitäten in aller Welt. Aktuelles Buch „Die Welt danach: Leben, Arbeit und Wohlfahrt nach dem Corona-Camp“ (Falter Verlag). Weitere Infos (auch zum Buch) auf: www.berndmarin.eu



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