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Wenn auf eine Krise die nächste folgt

Jahrelanges Tauziehen um den Brexit, Infektionsrekorde in der Corona-Pandemie und nun akute Versorgungsprobleme: Das Vereinigte Königreich kommt nicht zur Ruhe. 

Europa: EU mit EU-Flagge, UK mit UK-Flagge
© Adobestock,Thaut Images Nach dem Brexit geht das Vereinigte Königreich konsequent seinen eigenen Weg.

„Großbritannien mobilisiert die Armee gegen Benzinengpässe“, „UK fehlen 100.000 Lkw-Fahrer“, „Gaskrise – kleine Firmen vor dem Kollaps“ oder  „Kann Johnson Weihnachten noch retten?“ Titel wie diese findet man derzeit tagtäglich in den Medien. Zehn Monate nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU scheint eine Krise die nächste abzulösen. Was ist nur los in Großbritannien, ist das die „Rache“ des Brexit?

Verwerfungen in der Wirtschaft

Wir haben beim Wirtschaftsdelegierten Christian Kesberg in London nachgefragt. „Der Abgang aus der EU hat viele Probleme verschärft, die es im Land ohnehin schon gab, die Ursache dafür ist er aber nicht“, so Kesberg. Denn die Situation ist komplexer: „Weil immense Hilfspakete den finanziellen Leidensdruck auf Haushalte und Betriebe vielerorts in Grenzen hielten, fiel der Wirtschaftsaufschwung rascher und kräftiger aus als erwartet und führte zu Verwerfungen am Arbeitsmarkt, bei Lieferketten und in Energiemärkten – weltweit und nicht nur im Vereinigten Königreich“, so Kesberg. Dort hätten allerdings die Nachwehen des Brexit und der Corona-Pandemie, die das Land mehr als andere getroffen hat, die Mangelerscheinungen noch schlimmer gemacht. 

Besonders dramatisch ist die Situation im Transportsektor: Nachfrageeinbrüche während der Pandemie haben manche Lkw-Fahrer aus Osteuropa zur Rückkehr in ihre Heimatländer gezwungen. Andere haben umgesattelt und sind nun Paketzusteller im wachsenden E-Commerce-Bereich. „Zeitlich begrenzte Arbeitsvisa für Lkw-Fahrer – wie nun angedacht – sind keine Lösung. Traditionell schlechte Arbeitsbedingungen und ein ähnlich dramatischer Mangel an Fahrern in näheren und zugänglicheren EU-Arbeitsmärkten machen eine Rückkehr auf die Insel wenig
attraktiv“, so Kesberg. Und nicht nur in der Transportbranche fehle es an Facharbeitern, auch in der Landwirtschaft bei der Ernte oder in der fleischverarbeitenden Industrie, in der Gastronomie und teils auch in der Produktion.

Facharbeitermangel, Energiekrise & Verteilerkrise

Zum Teil „hausgemacht“ sei die Energiekrise mit Engpässen in der Erdgasversorgung und bedrohlichen Preissteigerungen für Industrie und Haushalte, führt Kesberg aus. „Im Brexit-Taumel hat Großbritannien die erste Pandemiewelle verschlafen. Abgelenkt durch den erhöhten Leidensdruck, hatten die Briten dann im Vorjahr den drohenden Zusammenbruch der Strukturen des europäischen und globalen Erdgasmarktes im blinden Winkel“, so Kesberg.  Mit Erdgas-Lagerkapazitäten von knapp zwei Prozent des Jahresbedarfs – andere halten 20 – wäre man auf den gegenwärtigen Stresstest auch denkbar schlecht vorbereitet.

Ob heuer zu Weihnachten überall der klassische Truthahn auf den Tisch kommen kann, ist wohl noch unklar. In der Vergangenheit wurde vor dem Fest einen Monat lang wie am Fließband geschlachtet, um die Nachfrage abzudecken – dazu holte man sich kurzfristig billige Arbeitskräfte ins Land. Eine Praxis, der Boris Johnson mit der Abkehr von einem Wirtschaftsmodell, das auf Billigarbeitskräften aus Osteuropa basiert, wohl ein Ende bereiten könnte.  

Auf den Erfolg österreichischer Unternehmen im Land haben die aktuellen Versorgungsengpässe und die Verteilungskrise laut Kesberg keine dramatischen Auswirkungen. Auch sei der Warenexport aus Österreich in den zweitgrößten Markt Europas heuer insgesamt positiv zu werten.

Vereinigtes Königreich in Zahlen

  • -9,8 Prozent – um so viel ist die Wirtschaftsleistung im Vereinigten Königreich 2020 gesunken.  
  • +1 Prozent – um so viel soll die Wirtschaft laut Prognosen in den Jahren 2020 und 2021 wachsen. 
  • 67 Prozent betrug die Corona-Durchimpfungsrate in UK Ende September, das ist EU-Niveau.


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