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Was vom Arabischen Frühling blieb

Vor zehn Jahren ließ der Wunsch nach Veränderung die Menschen in der arabischen Welt auf die Straße gehen. Ihre Hoffnungen wurden bisher nicht erfüllt. 

Protest, erhobene Hand mit geballter Faust
© inkdrop, adobestock Vor zehn Jahren nahm der Arabische Frühling in Tunesien seinen Ausgang.

Es begann im Dezember 2010 mit einem tunesischen Gemüsehändler, der seine Verzweiflung durch seinen öffentlichen Selbstmord zum Ausdruck brachte. Die daraufhin folgenden Proteste und die Hoffnung auf Mitbestimmung und mehr Rechte verbreiteten sich – angefacht durch Soziale Medien – in Windeseile in weiten Teilen der arabischen Welt. Die Wünsche der Demonstranten sind auch zehn Jahre danach kaum in Erfüllung gegangen. 

Der Journalist und Nahost-Experte Karim El-Gawhary (siehe Interview unten) diagnostiziert für die Region eine gefährliche Mischung aus Armut, Ungleichheit und politischer Machtlosigkeit der Menschen. „Heute lebt ein Viertel der Bevölkerung der arabischen Welt unter der Armutsgrenze und 40 Prozent stehen kurz davor, dorthin abzusinken“, fasst El-Gawhary die dramatische Situation zusammen, die wirtschaftliche Situation habe sich überall verschlechtert. Die Corona-Pandemie verschärfe dies noch zusätzlich. Und so kam es auch zuletzt im Libanon, im Irak und im Sudan wieder zu Massenprotesten. Wie haben sich nun einzelne Länder wirtschaftlich entwickelt? Wir haben zum Zehn-Jahres-Jubiläum des Arabischen Frühlings einen Rundruf gestartet:

Tunesien gilt gewissermaßen als Musterland, ist es doch der einzige Staat in dem die Proteste von damals in einen dauerhaften Demokratisierungsprozess mündeten. Tunesien, wie auch Marokko, habe sich in der Folge zunehmend zur verlängerten Werkbank Europas entwickelt,  berichtet Franz Bachleitner, Wirtschaftsdelegierter für Tunesien und Algerien. „Und das sowohl im Textil- und Lederbereich als auch bei Zulieferteilen für die Autoindustrie, bei elektrischen und elektronischen Komponenten und im IT- und Softwarebereich.“ Größter ausländischer Investor im Land ist übrigens die OMV, mit Investitionen in der Höhe von mehr als einer Milliarde Euro. Der wirtschaftliche Schaden durch Corona ist allerdings enorm und die Unzufriedenheit angesichts  der hohen Arbeitslosigkeit und der Armut im Land steigt. So gab es zum Jahrestag der Revolution abermals Proteste. 

Kleine politische Fortschritte

Politische Fortschritte in Richtung mehr Demokratie habe auch Algerien gemacht, so Bachleitner. „Die industrielle Entwicklung steht hier allerdings noch am Anfang, da man allzulange auf den Öl- und Gassektor gesetzt hat und dieser nach wie vor 97 Prozent der Deviseneinnahmen beisteuert.“ In Algerien tätig ist übrigens Andritz: Das Unternehmen lieferte 2019 eine neue Tissue-Anlage nach Algier und es laufen weitere Verhandlungen. 

Ägypten sei durch die Revolutionen 2011 und 2013 sowie  strukturelle Probleme in eine Wirtschaftskrise geschlittert, berichtet Martin Woller, Wirtschaftsdelegierter in Kairo. 2016 wurde durch ein Reformprogramm eine Trendwende eingeleitet und 2018/19 konnte mit einem BIP-Wachstum von 5,6 Prozent der höchste Wert in zehn Jahren erreicht werden. „Prognosen zeichnen für Ägypten wirtschaftlich betrachtet ein relativ gutes Bild. Trotz Pandemie geht man von einem Wachstum von 3,6 Prozent für das Wirtschaftsjahr 2019/20 aus.“ 

Ganz anders ist die Situation in Libyen. Dort folgte auf die Proteste des Arabischen Frühlings ein Bürgerkrieg, der mit wenigen Unterbrechungen bis heute andauert. „Durch die angespannte politische Situation ist Libyens Wirtschaft stark unter Druck gekommen“, so Martin Woller. Haupteinnahmequelle des Landes sei der Verkauf von Rohöl, dessen Förderung seit 2014 aufgrund der Kämpfe allerdings zurückgegangen sei. Mit 48 Millionen Barrel besitzt das Land die größten bestätigten Erdölreserven Afrikas.

Eskalation statt Verbesserung

In Syrien, das in der Vergangenheit ein wichtiges Exportland für österreichische Unternehmen darstellte, führten die Proteste gegen das autoritäre Regime 2011 zu einem Bürgerkrieg, der bis heute andauert. Die Folge: zahlreiche Flüchtlingsströme und massive Auswirkungen auch auf die umliegenden Länder. „Aufgrund der Pandemie und der strengen US-Sanktionen geht man davon aus, dass das BIP 2021 nach dem geschätzten Rückgang von 8,3 Prozent im Jahr 2020 um weitere 2,1 Prozent schrumpfen wird“, berichtet Herwig Neuper, Wirtschaftsdelegierter für Syrien, Jordanien, Irak und den Libanon.

Für Jordanien geht man ab 2021 wieder von einem jährlichen Wachstum zwischen zwei und drei Prozent aus, „sofern die Covid-19-Impfung zügig voranschreitet, der Privatkonsum steigt und Reisebeschränkungen weniger werden“, so Neuper. „Es wird erwartet, dass das Land ein stabiler Akteur im Nahen Osten bleiben wird.“ Branchen mit Potenzial für österreichische Unternehmen sind der Tourismus, Know-how und Infrastruktur sowie Cyber Security, Lebensmittel und Gesundheit. Unternehmen wie Backaldrin, Mayr-Melnhof und Mondi stellen mit ihren Niederlassungen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. „Für den Irak werden weiterhin bewegte Zeiten prognostiziert“, so Neuper. Es sei zu hoffen, dass mit dem Regierungswechsel in den USA positive Signale in die Region gesendet werden.  

Interview mit Karim El-Gawhary

Was ist vom Arabischen Frühling geblieben?

El-Gawhary: Er war Anstoß für langfristige politische Prozesse, die nach wie vor nicht abgeschlossen sind und einen Wettlauf zwischen Repression und Rebellion eröffneten. 

Welche Folgen hat die Corona-Pandemie?

El-Gawhary: Corona trifft auf eine problematische wirtschaftliche und soziale Lage und wirkt wie ein Brandbeschleuniger.

Wie sehen Sie die Zukunft der Region?

El-Gawhary: Ich gehe davon aus, dass sich bestehende Widersprüche verschärfen werden und dass die Zeiten weiterhin sehr unruhig bleiben werden. 

Karim El-Gawhary ist Nahost-Experte, Journalist und Buchautor.

Von Petra Mravlak

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