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Türkei schlägt nun die Tür zu

Wir und die Türken, das war schon immer eine schwierige Beziehung. Doch was sind die Hintergründe und welche Folgen hat das? Eine Analyse.

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Wenn in der Türkei der Wahlkampf tobt – in wenigen Wochen wird über eine neue Verfassung abgestimmt –, dann werden keine Samthandschuhe angezogen. Besonders dann nicht, wenn es um vermeintliche Feindbilder im europäischen Ausland geht. Da kommt es schnell zu Nazi-Vergleichen und Massaker-Vorwürfen gegen das niederländische Militär. Das alles geht zu Lasten der europäisch-türkischen Beziehung. Eine Beziehung, die schon länger unter keinem guten Stern steht. Warum und wieso das so ist, diese Frage haben wir gemeinsam Experten analysiert (siehe Statements unten).


„Begonnen hat das Misstrauen im Grunde schon mit den Unruhen am Gezipark vor fast vier Jahren. Seitdem stehen wirtschaftliche Überlegungen in der Türkei im Hintergrund“, erklärt Österreichs Wirtschaftsdelegierter in Istanbul, Georg Karabaczek. Und mit jeder Schlagzeile, bei der Kanzler Kern oder Außenminister Kurz auftreten, würden die Emotionen im Land wieder hochkochen, sagt Karabaczek: „Das ist natürlich auch für die Wirtschaft nicht förderlich.“
Auch Kerem Öktem, Professor für die moderne Türkei an der Uni Graz, sieht eine Zuspitzung der politischen Krise im Land: „Die Wahl im Jahr 2015 war hier ein wichtiger Wendepunkt. Erdogans AKP hat die Mehrheit verloren. Sie ignorierte jedoch mit sofortigen Neuwahlen das Ergebnis, das gab es in der Türkei noch nie.“


Erdogan sei aber politisch stärker unter Druck, als es auf den ersten Blick erscheine, ist Öktem überzeugt: „Deshalb geht die Regierung auch in die Offensive. Die Aktionen in den Niederlanden und in Deutschland sind klar kalkulierte Provokationen. Ich denke nicht, dass es eine strategische Entscheidung ist, die Tür zu Europa zuzuschlagen.“ Der Konflikt würde Erdogan innenpolitisch nutzen, so Öktem und betont: „Am sinnvollsten wäre es, nach Möglichkeit diese Provokationen zu ignorieren. Als Populist braucht Erdogan nämlich Feinde, um politisch überleben zu können.“
Die EU-Perspektive der Türkei sei dadurch aber in weite Ferne gerückt, ist Karabaczek überzeugt: „Trotzdem ist es für beide Seiten wichtig, die Beitrittsgespräche fortzuführen. Die Türkei und die EU sind Nachbarn und ein sehr wichtiger Markt.“


Kerem Öktem, Professor für die moderne Türkei an der Uni Graz

Für Kerem Öktem, Professor für die moderne Türkei an der Uni Graz, ist die Beziehungskrise zwischen der Türkei und den EU-Ländern keine Überraschung: „Die AKP-Regierung ist stark unter Druck und auch die Wirtschaft ist ins Wanken gekommen.“ Nach fast einem Jahrzehnt enormen Wachstums steckt die türkische Wirtschaft in der Krise. „Dadurch gerät auch die Machtbasis Erdogans ins Wanken. Um beim Verfassungsreferendum Erfolg zu haben braucht er Feindbilder, um sein gespaltenes Volk zu einen“, so Öktem. Er betont, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schon seit 15 Jahren an der Macht ist und sich seitdem stark verändert hat: „Zu Beginn war er als pragmatischer Politiker bekannt. Durch die Krise würden aber die ideologischen Grundlagen, nämlich der politische Islam, in den Vordergrund gerückt.“ Trotzdem dürfe man ihn nicht unterschätzen, so Öktem: „Die aktuelle Rhetorik ist aber Zeichen der Schwäche. Alle großen Ziele, etwa eine türkische Führung des Nahen Ostens, sind zerschlagen. Fürs politische Überleben müssen jetzt Konflikte provoziert werden.“

Angelika Pastner-Pirker, Reiseunternehmerin

Für die Reiseunternehmerin Angelika Pastner-Pirker, Geschäftsführerin bei Südlandreisen, ist die Türkei derzeit überhaupt kein Thema: „Das Land kommt in unseren Beratungsgesprächen derzeit leider überhaupt nicht vor. Nur ein paar Stammkunden buchen noch Kluburlaube in die Türkei, sonst gibt es eigentlich gar keine Nachfrage mehr.“ Dabei sei das Land am Bosporus gerade für Familien attraktiv gewesen, da es dort ein gutes Preisleistungsverhältnis gibt. „Jetzt müssen wir Alternativen finden, und das ist gar nicht so einfach. Viele Familien buchen derzeit einen Urlaub in Hurgada, weil es dorthin von Graz aus Direktflüge gibt. Auch Spanien gilt als sehr familienfreundlich“, so Pastner-Pirker.
Alternativen sind auch Urlaube in Kroatien und vor allem Kreuzfahrten, die inzwischen kostengünstige Lösungen für Kinder anbieten. Pastner-Priker glaubt aber nicht, dass es in absehbarer Zeit eine Rückkehr der österreichischen Urlauber in die Türkei geben wird: „Dafür müsste sich erst die politische Lage deutlich stabilisieren. Ist das aber der Fall, werden auch die Touristen schnell wieder zurückkehren, denn an sich wäre die Türkei ja ein attraktives Urlaubsland.“

Georg Karabaczek, Wirtschaftsdelegierter in Istanbul

Für den österreichischen Wirtschaftsdelegierten in Istanbul, Georg Karabaczek, ist die Türkei trotz aller Krisen weiterhin ein Zukunftsmarkt: „Obwohl man von einer Krise in die nächste schlittert, hat die Türkei zuletzt immer noch ein Wirtschaftswachstum von mehr als zwei Prozent gehabt.“ Um im Land aber etwas weiterbringen zu können, wären sechs Prozent notwendig. Im täglichen Umgang mit Geschäftspartnern spürt er die Spannungen zwischen der Türkei und der EU nicht: „Da gibt es keine Probleme. Die Türken sind sehr höfliche Menschen und lassen einen so etwas nicht spüren. Im offiziellen Umgang ist das anders, da kann es schon sein, dass man manchmal keinen Termin bekommt.“ In der türkischen Wirtschaftswelt sieht er derzeit einiges an Reformbedarf: „Das Leistungsbilanzdefizit ist viel zu hoch und das Bildungssystem gehört dringend reformiert.“ Durch die Krisen würden derzeit jedoch nicht nur die europäischen Touristen ausbleiben, auch zahlreiche ausländische Investoren würden sich derzeit in der Türkei sehr zurückhalten, so Karabaczek. Dabei wäre die Türkei weiterhin attraktiv, immerhin 45 Prozent des Außenhandels werden mit der EU bestritten. 

Claudia Weyringer, Türkei-Expertin im Internationalisierungscenter Steiermark

Eigentlich können österreichische und türkische Geschäftspartner sehr gut miteinander, weiß Claudia Weyringer, Türkei-Expertin beim Internationalisierungscenter Steiermark (ICS): „Deshalb haben die aktuellen Konflikte auf bestehende Geschäftsbeziehungen nur bedingt einen Einfluss. Anders sieht es bei neuen Verbindungen aus.“ Denn die Türken seien ein sehr stolzes Volks, das sich nicht gerne bevormunden lasse. Wenn es da keine gewachsenen Geschäftsbeziehungen gebe, werde es für steirische Unternehmen  sehr schwierig. Besonders, wenn man neu in den türkischen Markt einsteigen will. Ich würde derzeit davon abraten“, so Weyringer. Generell würde es aber oft sehr lange dauern, den türkischen Markt erfolgreich zu bearbeiten. „2011 hatten wir unser Fokusprogramm in der Türkei, und erst jetzt wirken sich die damals geknüpften Kontakte langsam aus. Wer in die Türkei gehen will, muss einen langen Atem haben“, erklärt die Expertin. Um am Bosporus erfolgreich zu sein, müsse man die Türken emotional abholen. Das dürfte aber angesichts mancher politischer Querschüsse derzeit eher schwierig sein.

Autor: Michael Neumayr

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