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"Wir erleben eine Renaissance der Bahn"

ÖBB-CEO Andreas Matthä im Interview über die neue Lust an der Bahn, warum der Zug nicht direkt am Grazer Airport stoppt und welche europaweiten Kraftakte es beim Cargo braucht.

Andreas Matthä
© OEBB_Jakwerth Matthä ist seit 2016 Vorstandsvorsitzender der ÖBB-Holding-AG. Seit 2018 ist er auch Vorsitzender des Aufsichtsrates der Rail Cargo Austria AG.

Sommerzeit ist Reisezeit – und immer mehr Menschen entdecken die Bahn wieder für sich. Vor wenigen Tagen sagten Sie dazu in der ZiB 2 „Wir stellen alles aufs Gleis, was wir haben“. Hat Sie diese Entwicklung überrascht?

Matthä: Nein. Das Bedürfnis nach Reisen ist groß, vor allem nach über zwei Jahren Pandemie. Die Menschen wollen sich wieder treffen, gemeinsam feiern. Wir beobachten beim Fahrgastaufkommen in den vergangenen Monaten einen regelrechten Bahn-Boom. Dieser Boom kommt nicht unerwartet. Aber nicht zuletzt auch durch die enorm steigenden Energiepreise früher als prognostiziert. 


Wie hoch ist das zusätzliche Passagieraufkommen?

Matthä: Im Fernverkehr haben wir ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Rekordjahr 2019. Im Nahverkehr liegen wir noch ein wenig unter dem Vorkrisenniveau. Das liegt aber auch daran, dass mit der Pandemie das Homeoffice zunehmend genutzt wird. Wir bemerken, dort wo Kunden ein breites Angebot an öffentlichen Verkehr vorfinden, wird dieses auch genutzt und das Auto stehen gelassen. Insgesamt sehen wir einer echten Renaissance des Bahnfahrens entgegen.


Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für diese neue Lust am Zugfahren?

Matthä: Neben der schon zuvor erwähnten Reisesehnsucht kommt dazu, dass immer mehr Menschen umweltfreundlich reisen wollen. Das wachsende Klimaschutzbewusstsein sehen wir beispielsweise bei unseren sehr gut gebuchten Nightjets. Hinzu kommen kostengünstige und praktische Angebote wie das Klimaticket, aber auch attraktive Zeit- und Streckenkarten, Verbundtickets etc.


Wo stoßen die Kapazitäten hier an ihre Grenzen – sowohl in der Schieneninfrastruktur als auch im Zugbetrieb? 

Matthä: Wir fahren täglich tausende Züge mit rund eine Million Fahrgäste durch ganz Österreich und auch darüber hinaus. Da kann manchmal etwas schiefgehen, aber wir haben aktuell kein Kapazitätsproblem, sondern ein Lenkungsproblem. Es gibt immer wieder Spitzenzeiten, vor allem aktuell an verlängerten Wochenenden, zu Ferienbeginn. Wir setzen stark auf Information: Das offene System der ÖBB – also ein Zustieg zu jederzeit, in jeden Zug – soll unangetastet bleiben. Wir wollen keinen geschlossenen Fernverkehr wie in Italien oder Frankreich, wo eine Fahrt nur mit einer Reservierung möglich ist. Österreich ist das Land in der EU, in dem die meisten und zufriedensten Bahnkund:innen im Zug unterwegs sind.


Sie haben kürzlich eine moderate Erhöhung der Ticketpreise angekündigt – während in Deutschland das 9-Euro-Ticket die großen Massen zum Zugfahren animiert… 

Matthä: Wir sind in Österreich mit dem KlimaTicket in Wahrheit schon viel weiter als Deutschland mit dem 9 Euro-Ticket. Das KlimaTicket ist eine Jahreskarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Österreich und nicht nur ein temporäres Angebot für den Regionalverkehr über die Sommermonate. Trotzdem ist eine gute Sache, weil es den Bahnboom in Deutschland beschleunigt. Und Deutschland muss dementsprechend noch viel mehr in den Bahnausbau investieren. Das wird die Verkehrswende in Europa voranbringen.


Stichwort Teuerung: Wie sehr betreffen die Energiepreissteigerungen die ÖBB?

Matthä: Höhere Energiepreise belasten uns natürlich auch, ebenso die allgemeine Teuerung. Wir werden daher traditionell zu Jahreswechsel die Ticketpreise anpassen müssen. Wir haben uns vorgenommen, dass das moderat, unter der Inflationsrate liegen wird.


Nicht nur der Personen-, auch der Güterverkehr nimmt weiter Fahrt auf. Wie hat sich der Transport auf Schiene in den letzten beiden Corona-Jahren entwickelt?

Matthä: Insgesamt haben wir mit unserer ÖBB Rail Cargo Group (RCG) 2021 94,1 Millionen Nettotonnen Güter mit eigenen Lokomotiven und Personal befördert, um etwa ein Prozent weniger als im Vorjahr. Vor der Pandemie, im Jahr 2019, waren es noch 105,3 Millionen Nettotonnen. Als Nummer zwei der europäischen Schienengüterverkehrsunternehmen haben wir gerade in den Spitzenzeiten der Corona-Pandemie aufgezeigt, wie krisen- und systemrelevant der Schienengüterverkehr ist. Während LKW an den Grenzen im Stau standen, lieferte die RCG auch in diesen außergewöhnlichen Zeiten pünktlich jede Tonne Fracht und steigerte noch zusätzlich umgehend ihre Transporte um versorgungsrelevante Produkte wie Lebensmittel-, Desinfektionsmittel und Hygieneartikeln ausliefern zu können. 


Wohin geht die Reise beim Cargo?

Matthä: In Österreich sind wir mit einem Modalanteil der Bahn am Gütertransport von rund 28 Prozent Spitzenreiter – in Europa haben wir jedoch einen Durchschnitt von rund 18 Prozent. Was die Zukunftsfähigkeit angeht, so haben wir uns in einer Koalition mit europäischen Güterbahnen das Ziel gesetzt, den Modalanteil der Schiene in Europa bis 2030 auf 30 Prozent zu erhöhen. Dieses Ziel kann erreicht werden, wenn drei wichtige Voraussetzungen erfüllt sind: Zum einen müssen alle Eisenbahnverkehrsunternehmen schneller, moderner und kundenzentrierter werden. Zum anderen brauchen wir neben fairen Wettbewerbsbedingungen und einer Kostenwahrheit zwischen Straße und Schiene auch eine europaweit koordinierte, leistungsfähige Infrastruktur. Unser Ziel ist klar: Einen Zug durch Europa zu fahren muss so einfach sein wie einen LKW.


Bleiben wir kurz beim Güterverkehr: Was erwarten Sie sich vom Ausbau des Nadelöhrs Pyhrn-Schober-Achse?

Matthä: Klar ist, dass wir auch im Güterverkehr runter von der Straße und rauf auf die Schiene müssen. Daher wird auch die Pyhrnstrecke weiter gestärkt, um die wichtigen Wirtschafts- und Industriestandorte in Oberösterreich und der Steiermark besser miteinander zu verbinden. Nicht zuletzt ist die Pyhrn-Schober-Achse auch international von großem Interesse. 

Der selektiv zweigleisige Ausbau der Pyhrnstrecke läuft weiter. Derzeit ist der Abschnitt Hinterstoder – Pießling - Vorderstoder in Planung, im nächsten Schritt der Abschnitt Nettingsdorf – Rohr-Bad Hall.  Mit der Sanierung des bestehenden Bosrucktunnels wird die Aufrechterhaltung des Betriebes bis mindestens 2040 sichergestellt. Hinzu kommt das aktuell laufende Planungsprojekt, das bis 2040 den Bau eines neuen Bosrucktunnel zum Ziel hat. Im 1. Quartal 2022 erfolgte der Start der Arbeitsgruppe für die Vorplanungen des Bosrucktunnels-Neu.


Was ist der aktuelle Stand bei der Koralmbahn?

Matthä: Derzeit sind wir voll im Plan. Der Bau der Koralmbahn ist zweifelsohne ein Jahrhundertprojekt und von enormer Bedeutung für die gesamte Region. Wir sprechen hier immerhin von 130 km neue Strecke, davon 47 Tunnelkilometer, über 100 Brücken sowie 23 moderne Bahnhöfe. Im Dezember 2025 wird die gesamte Koralmbahn in Betrieb gehen und die Fahrtzeit von Graz nach Klagenfurt von drei Stunden auf nur 45 Minuten verkürzen. Die letzten Rohbauarbeiten im Koralmtunnel auf Kärntner Seite konnten im Mai erfolgreich abgeschlossen werden. Im gesamten Tunnel wird nun an der technischen Ausstattung gearbeitet. Ab Frühjahr 2023 soll der gesamte Koralmtunnel mit Schienen ausgestattet sein. Danach geht es weiter mit einer ganzen Reihe technischer Anlagen – für Erschütterungsschutz, Lärmschutz, Tunnelsicherheit, Kommunikationseinrichtungen, Signalisierung, elektronische Stellwerke und Technikgebäude.


Und was halten Sie persönlich davon, dass der Zug hier sozusagen direkt am Grazer Flughafen vorbeifährt?

Matthä: Der Zug fährt nicht vorbei. Im Gegenteil: Der Flughafen Graz ist schon heute über die bestehende S-Bahn-Station gut an das Bahnnetz angebunden. Vom Haltepunkt zum Flughafengelände sind es nur rd. 300 Meter. Es fährt hier alle 30 min ein Zug der S5, die Fahrzeit vom Hbf Graz beträgt elf Minuten. Darüber hinaus wird es mit der Koralmbahn möglich, die Kapazitäten noch weiter zu erhöhen. Somit können Reisende aus den Schnellzügen, die aus allen Richtungen kommen, bequem und barrierefrei in Graz in die S5 zum Flughafen umsteigen. Für Kunden aus Kärnten verkürzt sich beispielsweise die Reisezeit von Klagenfurt zum Grazer Flughafen von zweieinhalb Stunden auf eine Stunde und 15 Minuten. Richtig ist, dass der hochrangige Fernverkehr an der Koralmbahn künftig die Knoten Graz und Klagenfurt jeweils zur vollen Stunde bedient. Die Zahl der Zwischenhalte ist somit streng begrenzt und ein neuer Halt aktuell gar nicht möglich. Es wäre deshalb nicht sinnvoll und dem Steuerzahler nicht erklärbar, eine neue Haltestelle neben einer bestehenden zu errichten, an der aber kein Zug stehen bleibt. 


Von den aktuellen Projekten zu den zukünftigen: Was sind die Trends in der Bahnmobilität? 

Matthä: Die Digitalisierung stellt die dritte Bahnrevolution dar: Von der Dampflok zur Elektrolok und nun zum digitalen Zug. Veränderung und Innovation sind Teil unserer Bahn-DNA und diesen Weg werden wir konsequent weitergehen. In den nächsten Jahren werden wir alleine für die Digitalisierung rund zwei Milliarden Euro in die Hand nehmen, um den gesamten ÖBB Konzern digitalisieren. Das brauchen wir für den digitalen Bahnbetrieb, für digitale Prozesse, Produkte sowie auch neue digitale Geschäftsmodelle. 


Was ist das Ziel?

Matthä: Ziel ist es bis 2040 die Leistungsfähigkeit der ÖBB zu verdoppeln, um noch mehr Personen und Güter auf die Schiene zu bringen – im Übrigen auch im Sinne des Klimaschutzes und der Internationalisierung. Ich spreche von neuen Standards im Bahnverkehr. Denn die Schienen enden nicht an Staatsgrenzen. Wir brauchen einfache durchgängige Mobilitätslösungen von der ersten bis zur letzten Meile – und das am besten in ganz Europa. Das Ziel dabei ist es, weg vom Individualverkehr, hin zu einer nachhaltigen, emissionsarmen Mobilitätskette zu kommen – im Personen- und Güterverkehr. Die ÖBB werden hier ein Taktgeber sein.

Im Bereich Energie setzen die ÖBB auf eine umfassende Elektrifizierungsstrategie. Sie fußt auf drei Säulen:

  • Elektrifizierung vorantreiben 
  • Energieeffizienz steigern 
  • Erneuerbare Energietechnologien ausbauen

Schon heute sind die ÖBB mit 100 Prozent grünen Bahnstrom unterwegs. Über 95 Prozent der Schienenverkehrsleistungen elektrisch erbracht. Dieser Anteil soll durch die weitere Elektrifizierung von Regionalstrecken noch erhöht werden. Über ein Drittel des Bahnstroms, produzieren die ÖBB aus Wasserkraft selbst. Bis 2030 wird dieser Anteil durch die Erneuerung bestehender Kraftwerke und anderer erneuerbarer Energieträger wie Sonne und Wind auf über 40 Prozent steigen. Dafür nehmen wir eine Milliarde Euro in die Hand.


Wo das Netzt gut ausgebaut ist, sind auch Mitbewerber am Zug. Was sagen Sie zu einer möglichen Südbahn als Pen- dant zur starken Westbahn?

Matthä:Konkurrenz belebt das Geschäft und fordert auch uns selbst immer wieder aufs Neue heraus, um noch besser zu werden. Daran ist nichts Schlechtes zu erkennen. Abgesehen davon ist jeder Partner im Stemmen der Verkehrswende im Sinne des Klimaschutzes zu begrüßen.

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