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"Brexitannien" in der Aufwachstation

EU-Austritt, Pandemie und Unabhängigkeitsbestrebungen Schottlands – der Wirtschaftsdelegierte Christian Kesberg im Interview über das Vereinigte Königreich.

Frau mit britischer Flagge auf ihrem Mund-Nasen-Schutz
© Adobestock, samott, Valeri Angelov 14 Monate Pandemie und der Brexit bereiten den Briten so manche Probleme.

Bei den Wahlen in Schottland haben die Unabhängigkeitsbefürworter Aufwind bekommen. Was bedeutet das für Großbritannien?

Kesberg: Das Wahlergebnis – eine knappe absolute Mehrheit für Parteien, die für ein Ende des Staatenbundes mit Restbritannien stehen – war zu erwarten. Ein neuerliches Referendum bedarf allerdings der Zustimmung der Zentralregierung, was Premierminister Johnson kategorisch ausschließt. Dazu kommt, dass die Schotten nach dem Verfall der Ölpreise von Finanztransfers aus Westminster abhängig sind. Eine Auskoppelung steht also nicht unmittelbar bevor, aber auch eine langfristige Perspektive verunsichert Marktteilnehmer. Allerdings fanden nicht nur in Schottland Regionalwahlen statt. Und die vielerorts starken Zugewinne für die Konservativen stärken Johnson massiv politisch der Rücken.

Mit 128.000 Corona-Toten ist das Land trauriger Spitzenreiter in Europa. Wie ist die Lage derzeit vor Ort?

Kesberg: Aktuell fahren die Briten die Ernte einer beispiellosen – aber teuer und mit hohem Risiko erkauften – Impfkampagne und eines konsequenten viermonatigen Lockdowns ein. Mitte April war bereits mehr als die Hälfte der impffähigen Bevölkerung teilimmunisiert und die 7-Tages-Inzidenz lag landesweit unter 30.

Wie steht es vier Monate nach dem Austritt aus der EU und nach 14 Monaten Pandemie um die Wirtschaft im Land?

Kesberg: Die britische Volkswirtschaft ist eine Baustelle mit Altlasten. Aufgrund lang andauernder Betriebsschließungen, auch in Industrie und Bauwirtschaft, sank die Wirtschaftsleistung 2020 um 9,9 Prozent. Obwohl weitgehend damit gerechnet wird, dass die Briten erst 2023 wieder zu den Vorkrisenergebnissen aufschließen können, sorgt derzeit die erfolgreiche Impfkampagne für merkbare Aufbruchstimmung und optimistischere Prognosen. Die Konsumnachfrage wird wohl noch heuer kräftig anspringen, während der große Nachrüstungsschub bei Investitionen erst für 2022 erwartet wird. Der endgültige Abgang der Briten aus EU-Binnenmarkt und Zollunion kosten der Rückkehr in die Gewinnzone wertvolle Antriebsenergie.

Nach langem Ringen verständigte man sich im Dezember auf ein Freihandelsabkommen. Was ist davon zu halten? 

Kesberg: Wenig ambitioniert und ohne konstruktive Ansätze für zukünftige handelspolitische Zusammenarbeit, blieb das Ergebnis innerhalb der längst gezogenen roten Linien. Die Briten haben „Souveränität“ erhalten, aber sonst nicht viel: keinen Zugang zum Finanzsektor, keine Anerkennung von Berufsqualifikationen und keine diagonale Kumulierung beim Ursprung, was den Fertigungsstandort schwächt. Die EU hingegen kann mit Sanktionsmechanismen gegen unlauteren Wettbewerb vorgehen. Tatsache ist: Das Freihandelsabkommen stellt zwar Zölle und Quoten für Ursprungswaren auf null, aber repariert in keiner Weise den Verlust der vier Grundfreiheiten des Binnenmarktes. Der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen ist über Nacht zum kräfteraubenden und kostspieligen Hürdenlauf geworden. Förmliche Zollverfahren, Einschränkungen bei Montageleistungen, und Steuerhürden für Versandhändler sind nur einige der vielen Problemzonen.

Heimische Betriebe trotzen dem Brexit

Die Wirtschaftsbande zwischen der Steiermark und dem Vereinigten Königreich sind seit jeher stark. Dem tut auch der Brexit keinen Abbruch.

Die britischen Inseln sind der viertwichtigste Absatzmarkt für steirische Produkte im Ausland – mit Exporten in der Höhe von 1,5 Milliarden Euro im Vor-Corona-Jahr 2019. Viele namhafte heimische Unternehmen sind im Vereinigten Königreich aktiv, so etwa Andritz, AVL, KnappAnton Paar, KLH Massivholz oder die Voest-alpine Böhler Edelstahl. Auch Pankl Racing Systems ist seit 20 Jahren in England tätig. „Am Standort in Leicester werden hochfeste Schrauben für Formel-1- und Industriekunden sowie unsere Pleuelwerke in Bruck an der Mur und Kalifornien hergestellt“, berichtet Geschäftsführer Wolfgang Plasser. Der Brexit habe im Unternehmen zu keinen nennenswerten Problemen geführt, die Vorbereitungszeit sei mehr als ausreichend gewesen. „Am Anfang gab es kleinere Verzögerungen bei der Grenzabfertigung, aber wir haben vorher Sicherheitsbestände aufgebaut“, so Plasser. „Aktuell läuft der Warenverkehr in beide Richtungen nicht schlecht.“ Wünschenswert wäre allerdings eine unbürokratische Entsendung von Arbeitskräften.

Trotz Brexit und Corona sind die Geschäfte für österreichische Firmen gar nicht so schlecht gelaufen: So lag der Exportrückgang im Warenhandel im gesamten vergangenen Jahr mit -9,7 Prozent im EU-Schnitt. Großbritannien steuert mit hochdotierten Beschaffungsinitiativen gegen den Konjunktureinbruch. Damit entstehen interessante Geschäftsmöglichkeiten etwa im Bereich Infrastruktur und Gesundheit, Energie und Klima. „Das Geschäft wird ‚post Brexit‘ schwieriger und teurer, aber weder unmöglich noch unprofitabel“, so das Resümee des  Wirtschaftsdelegierten Christian Kesberg.

Zahlen & Fakten

  • -29,3 Prozent sind die Exporte aus der Steiermark nach UK coronabedingt im ersten Halbjahr 2020 zurückgegangen.
  • -47,5 Prozent – so hoch war der Einbruch der Importe aus UK in die Steiermark im ersten Halbjahr 2020 gegenüber dem Vorjahr.
  • 1,5 Milliarden Euro war der Wert der aus der Steiermark nach UK exportierten Waren 2019.
  • 713,4 Millionen Euro waren die Importe aus UK 2019 wert.

Von Petra Mravlak

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