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Die Kette, die alles in der Wirtschaft erfassen wird

Kryptowährungen als Geldanlage. Bezahlen mit Bitcoins. Überweisungen, Handel und Verträge im Austausch ohne Vermittler. Die Blockchain-Technologie beflügelt die Business-Phantasie. Jetzt hat die disruptive Technologie auch Salzburg erreicht.

Die Blockchain dockt in Salzburg an: Blockchain-Anwendungen werden auch in Salzburg erprobt.
© Fotolia Die Blockchain dockt in Salzburg an: Blockchain-Anwendungen werden jetzt auch in Salzburg erprobt.

„The next big thing“, nannte kürzlich Walter Blocher, Informatiker und Jurist, bei einem IT-Talk der Salzburg Research die 2008 erstmals als Konzept auftauchende Blockchain-Technologie. Sie sei schlicht bahnbrechend und betreffe wesentliche Kernprozesse der Gesellschaft: „Hier entsteht das Internet der Werte.“

Ewald Hesse, Gründer von Grid Singularity und Partner von Verbund und Salzburg AG bei der Erprobung von Stromaustausch zwischen Mietern eines Hauses via Blockchain, schlägt ähnliche Töne an: Die Blockchain sei keine technische Optimierung, sondern eine „fundamental neuartige Technologie“ wie einst das Internet. Und wie das Internet werde die Blockchain alle Geschäftsbereiche erfassen.

Bitcoin-Siegeszug vorerst nicht gebremst

Bekannt wurde die Blockchain vor allem als eine Art „Betriebssystem“ für die Kryptowährung Bitcoin. Die digitale Währung ohne Bankenaufsicht, Zentralbank oder Bankfilialen hat seit 2008 einen ziemlich spektakulären Siegeszug hinter sich gebracht. In diesem Jahr veröffentliche eine Gruppe oder eine Einzelperson mit dem Pseudonym „Satoshi Nakamoto“ das Konzept eines verteilten, verschlüsselten und fälschungssicheren „Peer-to-Peer Electronic Cash Systems“. Das geniale Konzept einer dezentralen und fälschungssicheren Austausch-Infrastruktur auf Web-Basis hat in der Community der Software-Entwickler und Start-ups voll eingeschlagen: eine Unzahl an Rechnern, viele davon in großen „Mining-Rigs“ gebündelt, hängen als „Miner“ in der offenen Blockchain, „validieren“ damit die Transaktionen, erhalten damit Bitcoins aus dem Block Reward als Belohnung. Von den Bitcoins  wird es es nie mehr als 21 Millionen geben.

Längst wurden Blockchains für andere Kryptowährungen eröffnet – Schätzungen gehen von rund 1.200 Arten aus, davon die meisten als „ERC20-Token“ auf der zweitwichtigsten Blockchain Ethereum. Laut dem Analyse-Dienst CoinMarketCap.com haben neun Jahre nach dem berühmten Nakamoto-Whitepaper alle Kryptowährungen eine Marktkapitalisierung von über 300 Mrd. US-Dollar erreicht – mit stark steigender Tendenz. Bitcoin nimmt mit 54% den größten Anteil davon ein. Der Kursanstieg der Bitcoins ist freilich enorm. Der volatile Kurs eines Bitcoins liegt mittlerweile bei rund 10.000 US-Dollar. Experten gehen davon aus, dass das nicht das Ende der Entwicklung ist. 

Der Eigentumsnachweis für Bitcoins erfolgt über „Wallets“, digitale Brieftaschen am Smartphone. Wenn es nach Alexander Zojer und Berhard Schöps, den beiden Gründern und Eigentümern des Salzburger Unternehmens LADENKASSE.AT geht, dann werden in Salzburg bzw. in der DACH-Region noch viel mehr Menschen als bisher ihre Wallets zücken. Donnerstag vergangener Woche machten sie in Salzburg die Marke „changify“ bekannt.

Ing. Alexander Zojer (rechts) und Mag. Bernhard Schöps (li.), Gründer und Eigentümer von LADENKASSE.AT, wollen den Bitcoin-Markt beflügeln. Ihr Ziel sind 1.000 Wechselautomaten bis Ende 2018.
© Wildbild Ing. Alexander Zojer (rechts) und Mag. Bernhard Schöps (li.), Gründer und Eigentümer von LADENKASSE.AT, wollen den Bitcoin-Markt beflügeln. Ihr Ziel sind 1.000 Wechselautomaten bis Ende 2018.

ATM für Bitcoins als Frequenzbringer

Die Spezialisten für Ladenkassen-Systeme, die auf 26.000 installierte Registrierkassen mit ihren Produzenten verweisen können, steigen damit ab sofort in das Standortmanagement für digitale Zahlsysteme und Bitcoin-ATM (Automated Teller Machines) ein. „Der Markt für Bitcoins wächst weiter stark. Derzeit haben nur 1% der Bevölkerung in Österreich Kontakt mit Bitcoins. Unser Potenzial sind die 99%“, erzählt Schöps.

„changify“, das demnächst auch zur eigenen Firma werden soll, will Händlern und allen, die daran interessiert sind, mit der Aufstellung von ATM ein zusätzliches Angebot ermöglichen, das Frequenz ins Geschäft bringt. Mitgeliefert wird auf Wunsch ein Vermarktungskonzept, etwa für Display-Werbung am ATM, und Schulungen im Umgang mit Geräten und Bitcoins. Der Standortgeber partizipiert mit einem Anteil an den Umsätzen und an der Display-Werbung. „ATM an guten Standorten kommen auf bis zu 100.000 € Umsatz“, berichten die Bitcoin-Experten.

1.000 ATM als Ziel

Heuer will das Unternehmen noch 50 Geräte aufstellen, 2018 soll das Ziel von 1.000 Geräten erreicht werden. „Die Nachfrage ist enorm. Wir bekommen Anfragen aus der ganzen Welt“. In einem nächsten Schritt geht es Zojer und Schöps auch darum, mit Partnern die Bezahlfunktion mit Kryptowährungen in die herkömmlichen Registrierkassen zu integrieren. Zwar wollen manche Kunden gerne auch mit Bitcoins bezahlen, der Hauptzweck wird derzeit von den meisten Bitcoin-Investoren aber in der Geldanlage gesehen. Auch das Werbeunternehmen thesocialist.rocks hat einen ATM in ihrer Firma in der Maxglaner Hauptstraße 11 aufgestellt. Nicht wenige investieren dabei häufig kleinere Summen, um sich einen Anteil am neuen „digitalen Gold“ zu sichern. Die Bitcoin-Käufer kommen aus allen Altersgruppen und Schichten, wie Verena Kemperling von thesocialist.rocks berichtet.

Coins kosten viel Strom

Natürlich bleibt die neue Technologie nicht unwidersprochen: Mit den rasant steigenden Kursen nehmen die Warner vor Blasenbildungen zu. Manchen Staaten und vielen Behörden ist die digitale Währung zudem nicht wirklich geheuer, Regulierungen oder gar Verbote werden überlegt.

Viele Startups bieten zudem ICOs (Initial Coin Offerings) an, um ihre Projekte mit Kryptowährungen zu finanzieren, wovor die europäische Wertpapieraufsicht warnt. Denn mancher ICO entpuppte sich als Schlag ins Wasser. Nicht zuletzt verschlingt alleine das „Mining“ von Bitcoins so viel Strom wie alleine die Slowakei benötigt, in Summe zwar nur 0,13% des weltweiten Stromverbrauchs, aber immerhin.

Bald 10% des Welt-BIP über Blockchain

Dazu kommen – noch – technologische Hemmschuhe: Die Validierung bzw. Verschlüsselung dauert aufgrund der Größe der Kette und des zunehmenden Rechenaufwandes mitunter bis zu zehn Tage – zu lange, um die reichhaltige Business-Phantasie Wirklichkeit werden zu lassen, die in der Blockchain-Technologie grundsätzlich steckt. Denn die Blockchain ist eine bisher fälschungssichere Rechner-Infrastruktur nicht nur für Bitcoins, sondern für den Austausch von Assets aller Art. Coins oder Token können stets als Repräsentanten für beliebige Werte eingesetzt werden. Weltweit wird daher an neuen Anwendungen, neuen Verschlüsselungstechnologien und Produkten geforscht. Das Zauberwort heißt „Smart Contracts“ – ein zwischen Personen, Firmen oder Arbeitsprozessen ablaufender Austausch von Werten, Identitäten und Kontrakten auf Grundlage einer ausreichend verschlüsselten Blockchain – ohne Vermittler, Beglaubiger oder Registerbetreiber. Das World Economic Forum sagt voraus, dass schon im Jahr 2025 insgesamt 10% des weltweiten Bruttoinlandsprodukts mit Hilfe der Blockchain-Technologie abgewickelt werden.

Jeder Prozess abbildbar

Die Liste der möglichen Anwendungen ist riesig: schnelle grenzüberschreitende Überweisungen, Verkäufe von Solarstrom zwischen Nachbarn (ohne Stromversorger), Autos mit eigenen Wallets, über die die Maut oder Parkgebühr abgerechnet wird, maschinelle Kommunikation im „Internet of Things“, weltweite Lieferketten-Überwachung, Rechte-Verwaltung für Kreativ-Unternehmer, Identitätsnachweise für Personen, Verwaltungsabläufe – bis zur Abwicklung von Wahlen, bei denen das Ergebnis sofort nach Abgabe der letzten Stimme feststeht. „Jeder Prozess ist auf diesen Meta-Chains abbildbar“, erklärt Zojer.

Mittlerweile gibt es viele Kryptowährungen wie etwa Ethereum, auf deren Basis Kontrakte abgewickelt werden. Geforscht wird zudem an neuen Verschlüsselungstechniken und neuen Formen der Blockchain, die schneller validieren und weniger energieintensiv sind („Green Mining“). So beschäftigt sich die in Salzburg angesiedelte Organisation TrustChainTechnologies, ein weltweites Netzwerk an Programmieren, mit einer neuartigen Blockchain namens „TrustChain“, die im Frühling 2018 online gehen soll.

Keine geringe Gefahr also für alle Vermittler wie Börsen, Banken, Notare, Anwälte, Zwischenhändler aller Art. Sofern sie nicht beginnen, sich diese Technologie zu erobern.

Private Blockchain für den Solarstromaustausch

Wie etwa die Salzburg AG gemeinsam mit der Verbund-Gesellschaft und Partnern. Kürzlich starteten Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber und Leonhard Schitter, Vorstandssprecher der Salzburg AG, mit ihrer Signatur den ersten Block einer neuen Blockchain in der österreichischen Energiewirtschaft. Ein vorausschauender Akt. Denn immer wieder wird vor allem die Energiewirtschaft als vorrangiges Anwendungsgebiet für die Blockchain-Technologie genannt. „Die Blockchain kann den Umbau in ein völlig neues, nachhaltiges und stärker dezentralisiertes Energiesystem beschleunigen“, sagt Leonhard Schitter im „SW-Interview“. Die beiden Partner Verbund und Salzburg AG wollen nun erkunden, wie sich die Blockchain einsetzen lässt. Gerade im Strom-Großhandel bietet die Blockchain laut Verbund-Chef Anzengruber Vorteile, weil sie ein kosteneffizientes Transaktions-Tool darstelle, weil Zwischenhändler wegefallen. So befasst sich ein Projekt mit dem Peer-to-Peer-Trading via Blockchain im Stromgroßhandel.

Prof. Dominik Engel, FH Salzburg: „Wir erproben in Köstendorf eine private Blockchain.“ Foto: Wildbild
© Wildbild Prof. Dominik Engel, FH Salzburg: „Wir erproben in Köstendorf eine private Blockchain.“

Im Projekt „Mieterstrom“, bei dem die FH Salzburg Technologiepartner ist, geht es darum, von privaten Fotovoltaik-Anlagen erzeugten Strombezugsrechte zwischen Mietern oder Hauseigentümern auszutauschen. Erprobt wird das in Köstendorf. Prof. Dominik Engel, Leiter des „Zentrums für anwenderorientierte Smart Grid Privacy“ der FH Salzburg: „Das Projekt läuft auf einer privaten Blockchain, die wir entwickelt haben“. Jeder Teilnehmer im Mehrparteienhaus ist mit seinem Rechner „Miner“. Mit einer App werden dabei Sonnenstromanteile aus der gemeinsamen Haus-PV-Anlage, wenn von dem einen Mieter nicht benötigt, einfach auf einen anderen Mieter übertragen, statt ins Stromnetz eingespeist zu werden. Abgerechnet wird über die Salzburg AG.

Engel: „Wir wollen Erfahrungen mit einer privaten Blockchain gewinnen. Das zweite Mieterstrom-Projekt mit der Grid Singularity in Wien benutzt hingegen ausdrücklich die Ethereum-Blockchain.“ Die Pilotprojekte werden im Frühjahr starten. Ergebnisse, ob und wie die Blockchain das Geschäft der Energieversorger ändern wird, gibt es Ende 2018.

 

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