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Facts zur Gewerbeordnung: Liberalisierung in Deutschland war kein Erfolg!

Serie zu mehr Transparenz in der Gewerbeordnung

2004 wurde in Deutschland im Zuge der Hartz-Reformen die Gewerbeordnung liberalisiert. 2016, also 12 Jahre später weiß man, dass diese Reform zwar viele neue EPU geschaffen hat, dass aber die Beschäftigungs- und Ausbildungsleistungen teils drastisch zurückgefallen sind. Das hat auch jüngst Wolfgang Clement (SPD), damaliger Wirtschafts- und Arbeitsminister in Deutschland, betont: „"Tatsächlich sind die Zahlen derer, die da arbeiten oder ausgebildet werden, sehr gering."

Prof Gerhard Bosch, vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen, führt dies auf die Abschaffung der Meisterpflicht zurück und hat hierzu Zahlen:

Die Lehrausbildung bei den Fliesenlegern brach besonders drastisch ein: Bundesweit um 77 Prozent. Noch 1998 machten 3600 Fliesenleger in Deutschland ihren Lehrabschluss, 2014 waren es gerade noch 588.

Die Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen „Transparenzinitiative und volkswirtschaftliche Betrachtung des Kommissionsvorschlages zur Deregulierung des Handwerks“ bewertete 2014 im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie die Folgen der 2004 erfolgten Liberalisierung der deutschen Handwerksordnung (HwO) sehr kritisch.

Das Fazit der Studie zum Thema Ausbildung (Humankapitalbildung) im Wortlaut:

„Insgesamt ist festzustellen, dass die Deregulierung der Handwerksordnung im Jahr 2004 mit negativen Konsequenzen für die Humankapitalbildung einherging. Zwar gründeten mehr Unternehmen in den zulassungsfrei gestellten B1-Handwerken, was vordergründig ganz im Sinne der Deregulierungsinitiative der EU zu sein scheint. Dennoch darf eine Betrachtung der Unternehmensgründung nicht nachgelagerte Effekte missachten: 

  • Die HwO-Reform zog eine eklatante Dequalifizierung der Unternehmensführer mit sich, die in den B1-Handwerken nur noch selten über eine Meisterqualifikation verfügen. 
  • Dies senkte nicht nur die Überlebensrate der Betriebe erheblich, sondern verringerte deren Bereitschaft zur Lehrlingsunterweisung, sodass nach der Reform die Ausbildungsbeteiligung der B1-Handwerke drastisch sank.
  • Auch in Zukunft führt dies geradezu zwingend zu einer Dequalifikation der Mitarbeiter der Handwerksbetriebe. Erstens werden immer weniger Unternehmensführer in der Lage sein Lehrlinge auszubilden. Zweitens verringert die Deregulierung der Handwerksordnung die mit diesem Bildungspfad einhergehenden Bildungsrenditen, sodass auch das Angebot an Arbeitnehmern sukzessive zurückgehen wird. 


Es lässt sich somit festhalten, dass die Deregulierung der Handwerksordnung den empfindlichen Kreislauf der Bereitstellung von Humankapital - sowohl für das Handwerk als auch darüber hinaus - stört. Durch die Dequalifizierung der Unternehmensführer entzog die Reform den B1-Handwerken automatisch auch die Grundlage zur nachgelagerten Humankapitalbildung, die mit der Lehrlingsunterweisung ihren Lauf nimmt. Zudem können abnehmende Bildungsrenditen auch von Seiten der Jugendlichen das Interesse an der Humankapitalbildung im Handwerk senken.“

Prognose der Entwicklung der Gesellenprüfungen bis 2025: 

Die Studienautoren prognostizierten die Entwicklung bei der Ablegung der Gesellenprüfungen bis ins Jahr 2025. Dadurch wird eine immer größere Entqualifizierungsspirale zu Lasten der Ausbildung in liberalisierten Gewerben deutlich.

„Wenn diese unterschiedliche Entwicklung [Anm.: bei der Anzahl der abgelegten Gesellenprüfungen] zwischen A- und B1-Handwerken anhält, dürfte die Schere zwischen diesen beiden Teilen des Handwerks immer mehr auseinander gehen. Legt man einen linearen Trend zugrunde, wird im Jahr 2025 in den B1-Handwerken nur noch etwa ein Drittel der Gesellenprüfungen des Jahres 2003 erfolgreich abgelegt (vgl. …). Bei den A-Handwerken sind es immerhin noch fast 60 %...“

Bewertung der HwO-Reform durch den Deutschen Bundestag (5.12.2014):

Diese negativen Konsequenzen einer Liberalisierung in Deutschland wurden auch von der Politik in Deutschland erkannt. Als Beispiel dazu zwei Zitate aus einer Sitzung des Deutschen Bundetages vom 5.12.2014 über die Auswirkungen der HwO-Novelle:

„Wir haben in Deutschland nach der Handwerksnovelle 2004 schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Auch damals ging es um mehr Wachstum und mehr Arbeitsplätze. Und was ist passiert? Eine fatale Abwärtsspirale wurde in Gang gesetzt. Nachdem 53 Handwerksberufe zulassungsfrei wurden, gab es zwar viele Existenzgründer – leider zum großen Teil nur Einmannbetriebe -, aber die konnten sich, jedenfalls die meisten, nicht lange am Markt halten. …Fünf Jahre nach Gründung waren 60 Prozent dieser Betriebe vom Markt verschwunden. Aber das Schlimmste ist: In diesen Gewerken wird  nicht ausgebildet. … Nun fehlt uns der Nachwuchs an allen Ecken und Enden. Das darf sich in Deutschland nicht wieder holen.“ (Abg. Strothmann, CDU/CSU)

„Deregulierung führt nicht zwangsläufig zu einem Wachstumsschub und zu mehr Beschäftigung. … Kunden, die einen Handwerker beauftragen [haben heute] nicht mehr die Gewähr, dass sie einen ausgebildeten Fachmann bekommen.“ (Abg. Ernst, DIE LINKE)

(PWK631/us)

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