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Überstunden: flexibel, aber teuer

Position der WKÖ

Überstunden sind Arbeitsleistungen über der täglichen bzw. wöchentlichen Normalarbeitszeit. Mehrarbeit ist Arbeitsleistung, die über das vertraglich vereinbarte Arbeitszeitausmaß hinausgeht (insbesondere bei Teilzeitbeschäftigten). 2015 haben die Österreicher nach Statistik Austria 252,9 Mio Über- und Mehrstunden geleistet. 2007 waren es noch 367,5 Mio. Inkl. der Überstunden arbeiteten vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer 2015 im Schnitt 41,6 Stunden pro Woche (Eurostat). Vollzeiterwerbstätige Selbständige arbeiteten sogar 53,1 Stunden. 

Überstunden sind für Arbeitgeber teuer, für Arbeitnehmer attraktiv 

In Ö ist ein Zuschlag von 50% für Überstunden gesetzlich vorgesehen. Kollektivverträge erhöhen den Zuschlag für qualifizierte Überstunden vielfach auf 100%. In anderen Ländern sehen nur Tarifverträge Zuschläge vor, üblich sind 25% (z.B. in Deutschland, Frankreich, der Schweiz).  

Für Arbeitnehmer sind Überstunden nicht nur aufgrund des Zuschlags attraktiv, sondern auch weil der Zuschlag für die ersten 10 Überstunden im Monat einkommensteuerfrei ist (bis 2008 nur die ersten 5 Stunden). Der Gesetzgeber begünstigt somit Überstunden. Oft sind es daher Mitarbeiter, Betriebsräte und das mittlere Management, die einen vom Unternehmen erwünschten Abbau von Überstunden verhindern (Vgl. Gärtner, Ökonomische Aspekte von Schichtarbeit 2012). 

Arbeitnehmer sind zufrieden mit Überstunden  

Nach einer Market-Umfrage vom April 2012 sind 88% der Arbeitnehmer mit der Verteilung ihrer Arbeitszeit zufrieden, 84% mit dem Ausmaß ihrer Arbeitszeit, 82% mit der Vereinbarkeit von Arbeitszeit und Familienleben. Nach einer Market-Umfrage vom April 2013 sind 71% der Arbeitnehmer mit ihrer derzeitigen Überstundensituation zufrieden, 6% würden gerne mehr Überstunden machen, 23% weniger. 

84% der Arbeitnehmer lehnen eine stärkere Besteuerung von Überstunden ab. 65% der Arbeitnehmer sind auch dagegen, dass der Arbeitgeber mit 1 Euro pro Stunde belastet wird. 

Überstunden schaffen Flexibilität und sichern Arbeitsplätze 

In der Krise 2009 fielen um über 40 Mio Mehr- und Überstunden weniger an als 2008. Die Unternehmen reduzierten also die Arbeitszeit und vermieden so Kündigungen. Überstunden sichern somit Arbeitsplätze. Es ist besser, Schwankungen mit Überstunden abzudecken als mit kurzfristigen Einstellungen und Kündigungen, wie das z.B. in den USA üblich ist. Das gilt insbesondere für Kleinunternehmen, für die die Einstellung von Personal ein großer Schritt ist. Zudem ermöglichen Überstunden die stärkere Auslastung von Spitzenkräften, die am Arbeitsmarkt oft schwer zu finden sind. 

Wie werden Überstunden bezahlt? 

Überstunden werden entweder einzeln in Geld verrechnet, durch Zeitausgleich vergütet oder pauschal abgegolten. Pauschalen dürfen nicht niedriger sein als die Vergütung, die dem Arbeitnehmer bei Einzelverrechnung zusteht. Eine Pauschale hat für den Arbeitnehmer den Vorteil, dass er sie grundsätzlich auch dann erhält, wenn er keine Überstunde leistet. 

Die Statistik Austria weist auf Basis einer Befragung von Arbeitnehmern aus, dass 2015 von den 252,9 Mio Überstunden 52,3 Mio nicht bezahlt wurden. Das sind wesentlich weniger als 2012 mit 66,9 Mio. 

Diese Zahlen sind aber sehr zu hinterfragen: Überstunden, die nicht einzeln verrechnet, sondern durch Zeitausgleich oder pauschal abgegolten werden, dürften oft als „nichtbezahlt“ deklariert werden. Den höchsten Anteil unbezahlter Überstunden deklarieren Führungskräfte und akademische Berufe, Gruppen, bei denen All-In-Verträge besonders häufig sind. Von allen Branchen weist in dieser Statistik der öffentliche Bereich Erziehung und Unterricht bei weitem die meisten unbezahlten Überstunden auf. 

Nach einer Market-Umfrage aus 2013 geben 87% der Arbeitnehmer an, dass Überstunden korrekt abgewickelt werden.  

Verteuerung von Überstunden kontraproduktiv 

Vielfach wird eine Verteuerung von Überstunden für Arbeitgeber gefordert (z.B. Abgabe von 1 Euro pro Überstunde) mit der Begründung, damit Überstunden zu reduzieren und damit neue Arbeitsplätze zu schaffen. Eine Verteuerung würde aber keine Jobs schaffen, sondern Jobs vernichten:

  • Nach der obigen Befragung entfallen die meisten unbezahlten Überstunden auf Führungskräfte und akademische Berufe, z.B. Ärzte. Hier ist die Arbeitslosigkeit bereits extrem niedrig, die Beschäftigungseffekte wären daher laut der WIFO-Studie „Unbezahlte Überstunden in Österreich“ gering.
  • Ein großer Teil der Überstunden wird durch Zeitausgleich vergütet. Damit wird die Arbeitszeit nicht verlängert, sondern nur verschoben.
  • Die Arbeitszeitverkürzung in Frankreich hat gezeigt, dass Arbeitszeit nicht ohne weiteres auf mehr „Köpfe“ verteilt werden kann.
  • Unternehmen fordern nicht deshalb oft Überstunden ein, weil sie so günstig sind – sie sind schon jetzt viel teurer als im Ausland! Überstunden werden geleistet, weil sie für Arbeitnehmer finanziell attraktiv sind und Unternehmen Flexibilität bringen.
  • Eine Verteuerung von Überstunden bedeutet, Arbeit wird teurer. Das zwingt zur Rationalisierung und kostet Arbeitsplätze – wie auch das französische Experiment gezeigt hat.
   

Autor: Dr. Rolf Gleißner

Stand: Mai 2016

 

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