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ARA-Scharff: "Brauchen ein ganzheitliches Modell der Kreislaufwirtschaft anstatt eines Pfands"

Es gehe nicht um Einzelthemen, sondern um ein Gesamtkonzept. Und dieses liege vor und biete entschiedene Vorteile, erklärt Christoph Scharff, Vorstand der Altstoff Recycling Austria AG (ARA).

ARA-Vorstand Christoph Scharff
© ARA/Werner Streitfelder

Herr Scharff, die ARA ist Österreichs Innovationsführer in der Kreislaufwirtschaft und auf die Sammlung und Verwertung von Verpackungen spezialisiert, die in ihrer Hand zu Wertstoffen mutiert. Ist aus Ihrer Sicht als Experte aus der Praxis die Einführung eines Einweg-Pfandsystems zielführend? 

Scharff: Die Frage ist, was man erreichen will. Das EU-Kreislaufwirtschaftspaket fordert von uns nicht weniger, als das Recycling von Kunststoffverpackungen bis 2025 auf 50 Prozent und bis 2030 auf 55 Prozent zu steigern. Dazu sind 90.000 Tonnen mehr an Recycling notwendig. Ein Pflichtpfand auf Plastikflaschen brächte davon weniger als 10 Prozent. Bleibt also die Frage: Woher bekommen wir die übrigen 90 Prozent? Und darauf gibt das Pfand keine Antwort. Statt der Diskussion von Partikularzielen brauchen wir daher ein ganzheitliches, systemisches und effizientes Modell der Kreislaufwirtschaft für alle Kunststoffverpackungen. Daran arbeiten wir mit und soweit man erkennen kann, wäre ein Pfandsystem eher hinderlich als unterstützend.

Wo sehen Sie diese Hindernisse? 

Scharff: Wir sammeln heute bereits 70 Prozent aller PET-Flaschen mit der Gelben Tonnen und dem Gelben Sack und müssen dies bis 2029 auf 90 Prozent steigern. Einzelne Bundesländer haben sogar dieses Ziel bereits erreicht. Die Kernfrage ist also, wie wir die getrennte Sammlung in Ballungsräumen steigern können und das betrifft nicht nur Wien. Die getrennte Sammlung funktioniert am besten, wenn sie glaubwürdig und bequem ist. Convenience sticht, das kennen wir aus unserem eigenen Konsumverhalten. Heute kann man seine Kunststoffverpackungen an zwei Millionen Stellen entsorgen, mehr als 60 Prozent der Haushalte haben die Sammlung ab Haus.

Künftig könnten wir beispielsweise den Joghurtbecher weiterhin bequem zuhause sammeln, die Getränkeflasche müsste zu den Öffnungszeiten zurück in den Lebensmittelhandel, um sich bei Rücknahmeautomaten anzustellen. Gleichzeitig verlieren wir die Synergien in der getrennten Sammlung durch den Aufbau paralleler Logistikstrukturen. Kurzum, es wird wesentlich teurer, der Komfort wird reduziert, obwohl wir ja mehr sammeln wollen, und ein ökologischer Vorteil ist nicht erkennbar. Es bringt somit nichts, hat aber offenbar Symbolwirkung für eine politische Zielgruppe.  

Pfandbefürworter führen stets eine Reihe anderer europäischer Länder ins Treffen, in denen das Pfandsystem funktioniere. 

Scharff: Wir kennen diese Beispiele, die haben allerdings ganz andere Abfallwirtschaftsstrukturen: Kein Land, das ein Einwegpfand eingeführt hat, hatte davor bereits derart hohe Sammelquoten wie wir in Österreich. Ein Einwegpfand kann durchaus Sinn machen, wenn ich die ersten Recyclingerfolge auf der grünen Wiese erzielen möchte. Und selbstverständlich ist Pfand sinnvoll für Mehrwegverpackungen. In einer integrierten Recyclingwirtschaft ist es aber eine Insellösung, die die Gesamtaufgabe nicht zu lösen vermag – schon, weil die Getränkeverpackungen nur 16 Prozent der Kunststoffverpackungen ausmachen. 

Wie können aus Ihrer Sicht die geforderten Steigerungen der Sammelquote erreicht werden?

Scharff: Wir müssen an mehreren Stellen zugleich ansetzen. Das reicht von der Vereinheitlichung der Kunststoffsammlung in ganz Österreich, damit wir endlich mit einer klaren Botschaft mit den KonsumentInnen kommunizieren können. Die heutige Artenvielfalt steht uns da seit Langem im Weg. Wir haben Best practice-Analysen abgeschlossen, um die Sammlung mit dem Gelben Sack und der Gelben Tonne um 40 Prozent zu steigern, vor allem durch erhöhte Convenience - also Sammlung direkt ab Haus – und die Erfassung im Unterwegsmarkt und Freizeitbereich. Und 50.000 Tonnen Kunststoffverpackungen gehen uns heute noch jährlich im gemischten Gewerbeabfall verloren, die wir durch bessere Erfassung und Aussortierung ins Recycling bekommen wollen. Aber die Herausforderung ist beträchtlich und uns läuft zunehmend die Zeit davon. 

Und was konkret sind die Vorteile dieses ganzheitlichen Systems? 

Scharff: Das ganzheitliche Konzept will all die Lücken schließen, die durch die Engführung der Diskussion auf ein Pflichtpfand für eine kleine Teilmenge der Herausforderung entstehen. Es ist somit keine Alternative, sondern – zumindest soweit mir bekannt – der einzige umfassende Ansatz für alle Aufgaben, die uns das EU-Kreislaufwirtschaftspaket und die Einwegkunststoffrichtlinie zum Thema Kunststoff setzen.

"Kreislaufwirtschaft ist eine standortpolitische Grundsatzfrage, eine rohstoffpolitische Haltung"

Was mir in diesem Zusammenhang wichtig ist: Kreislaufwirtschaft ist mehr als das buchstabengetreue Abschreiben von EU-Vorgaben. Kreislaufwirtschaft ist eine standortpolitische Grundsatzfrage, eine rohstoffpolitische Haltung, ein veränderter Umgang mit Ressourcen. Das geht im politischen Mikromanagement mitunter verloren und es wäre schade, würde Österreich die führende Rolle unserer Unternehmen und Forschungseinrichtungen in diesem Bereich einbüßen. Die EU-Ziele sind in ihrer Gesamtheit wichtig und wir unternehmen jede Anstrengung, um sie zu erreichen.  

Bundesministerin Gewessler möchte neben der Einführung des Einwegpfands außerdem verpflichtende Mehrwegquoten festlegen sowie eine Kunststoffabgabe einheben. Was sagen Sie zu diesen Vorschlägen? 

Scharff: Eine Abgabe von 800 Euro pro Tonne nicht rezyklierter Kunststoffverpackungen ist keine österreichische Erfindung, sondern folgt einem Beschluss des EU-Rats vom Sommer. Sie wurde aber ursprünglich konzipiert, um die Brexit-Lücke im EU-Haushalt zumindest zum Teil zu schließen. Auch Österreich entfielen rd. 180 Millionen Euro Zahllast. Irritierend war, dass die Kommunikation des BMK davon gesprochen hat, alle Kunststoffverpackungen zu belasten. Damit ginge jedoch der Lenkungseffekt zugunsten von Recycling verloren und würde die Belastung auf 240 Millionen Euro erhöhen.  

Wir in der ARA setzen das Prinzip der Produzentenverantwortung seit mehr als 25 Jahren mit effizienten Lösungen sehr erfolgreich um. Wir erachten die Freiwilligkeit auch aktuell als zielführenden Weg in die Zukunft. Eine verpflichtende Mehrwegquote halte ich nicht für notwendig.  Der Kunde und die Kundin – nicht der Gesetzgeber – soll wählen dürfen, was er oder sie kauft. Eine verpflichtende Mehrwegquote sowie eine Herstellerabgabe sind zusätzliche Belastungen für die Bevölkerung sowie die Betriebe. Beides geht in die Preise ein, die Konsumentinnen und Konsumenten im Geschäft zahlen müssen. Umweltschutz muss uns schon etwas wert sein, aber nicht alles, was teuer ist, ist auch sinnvoll.

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