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"Was für eine Zeitbombe"

Eine Generation von Kindern, die ohne Schule aufwachsen: Das war eines der zentralen Themen bei der aktuellen Ausgabe der WKNÖ-Veranstaltungsreihe "Frühstück mit Ausblick", bei der WKNÖ-Präsidentin Sonja Zwazl diesmal den Leiter des ORF-Büro Kairo, Karim El-Gawhary, zum Gespräch begrüßen konnte.

WKNÖ-Präsidentin Sonja Zwazl im Gespräch mit Karim El-Gawhary.
© David Schreiber WKNÖ-Präsidentin Sonja Zwazl im Gespräch mit Karim El-Gawhary.

Nüchtern, sachlich und gerade in dieser Nüchternheit besonders eindringlich – so schärfte El-Gawhary vor rund 130 Unternehmerinnen und Unternehmern im Julius Raab-Saal im WIFI St. Pölten in Sachen Nahost und zum Thema Flüchtlinge den Blickwinkel in Richtung größerer Zusammenhänge, abseits von Schwarz-Weiß-Malerei.

Zum Beispiel, als er darauf hinwies, dass rund 60 % der Flüchtlingskinder, etwa im Libanon oder in der Türkei, mangels Gelegenheit keine Schule besuchen. „Eine ganze Generation, die später ihr Land aufbauen sollte, geht nicht zur Schule – und wird damit später leicht manipulierbar und radikalisierbar“, so El-Gawhary. „Was für eine Zeitbombe.“

Geld zu investieren, um diesen Kindern einen Schulbesuch zu ermöglichen, wäre nicht nur dringend nötig, sondern geradezu ein Muss. „Heute einen Lehrer anzustellen ist sicher billiger als morgen drei Polizisten.“

Eine Stecknadel hätte man fallen hören können, als El-Gawhary verschiedene ganz persönliche Flüchtlingsschicksale schilderte – etwa jenes der Syrerin Soha, die gemeinsam mit ihren vier Töchtern und 160 anderen Flüchtlingen im Mittelmeer kentert – und zusehen muss, wie drei der vier Töchter, eine nach der anderen, sich nicht mehr an ihr festhalten können und in den Fluten des Meeres versinken.

Uganda und Europa

Und er stellt laufende politische Debatten in neue Relationen: Im Libanon sei mittlerweile etwa jeder vierte Einwohner ein Flüchtling. Umgelegt auf Österreich hieße das etwa zwei Millionen Flüchtlinge. Oder: Uganda habe in den letzten drei Monaten 170.000 Flüchtlinge aufgenommen. Nach Europa seien im gleichen Zeitraum 20.000 Flüchtlinge gekommen… Europa müsse politisch jedenfalls eine Lösung in Sachen Flüchtlinge finden, bisher sei es dabei „gnadenlos gescheitert“, so El-Gawhary. 

Integration ist keine Einbahnstraße

In Sachen Integration müssen für El-Gawhary beide Seiten „die Köpfe aufmachen“. Sie könne nur funktionieren, wenn jedem klar sei, dass Integration „keine Einbahnstraße“ ist – und die Diskussion darüber auf einer rationalen Ebene bleibt. Wenn Flüchtlinge etwa arbeiten dürfen, würden sie von manchen als Konkurrenz erlebt. Arbeiten sie dagegen nicht, würde ihnen vorgeworfen, dass sie nur von Steuergeldern leben. El-Gawharys Fazit einer solchen Diskussion: „Das können Flüchtlinge nicht gewinnen.“ 

„Die“ Flüchtlinge gibt es nicht

 Zugleich betont der ORF-Journalist, dass es „die“ Flüchtlinge nicht gebe, sondern dass Menschen mit sehr unterschiedlichen bisherigen Leben auf der Flucht nach Europa kommen – von Universitätsprofessoren bis zu Menschen, die noch nie eine Schule besucht haben. Folglich brauche es unterschiedliche Konzepte zur Integration. Aber: „Wir stülpen über alle die gleichen Lösungen. Das kann nicht funktionieren.“

Und er zeigt anhand eines Beispiels aus der eigenen Familie auf, wie rasch sich Verhältnisse ändern können. Sein Vater, so El-Gawhary, habe in den 50er-Jahren in Graz studiert – und sei damals als Student aus Ägypten aufgrund der damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse im Vergleich zu seinen österreichischen Kollegen durchaus wohlhabend und finanziell gut gestellt gewesen. Vor nur rund 60 Jahren…

Viele Gäste nutzten die Gelegenheit, sich ein Buch persönlich von Karim El-Gawhary signieren zu lassen.
© David Schreiber Viele Gäste nutzten die Gelegenheit, sich ein Buch persönlich von Karim El-Gawhary signieren zu lassen.


Auch das Publikum hatte die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Im Bild: WKNÖ-Vizepräsident Dieter Lutz.
© David Schreiber Auch das Publikum hatte die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Im Bild: WKNÖ-Vizepräsident Dieter Lutz.

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