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„Jede gute Idee beginnt mit einem Schmerz“

Der Stein der Weisen ist nicht leicht zu finden. Aber Geistesblitze kommen durchaus mit ein bisschen Übung. Wie genau, das verrät Neurowissenschaftler Henning Beck.

Anita Arneitz
Neurowissenschaftler Henning Beck weiß, wie das Gehirn zu Geistesblitzen kommt.
© KK/AA Neurowissenschaftler Henning Beck weiß, wie das Gehirn zu Geistesblitzen kommt.

Kärntner Wirtschaft“: Wie taucht ein Geistesblitz auf?

Henning Beck: Ein Geistesblitz kommt meistens dann, wenn man ihn gar nicht vermutet, immer scheinbar aus dem Nichts. Das liegt daran, dass das Gehirn auch arbeitet, wenn wir abschweifen oder unkonzentriert arbeiten. Wer also einen Geistesblitz hervorbringen will, sollte sich auf seine Tätigkeiten konzentrieren und dann ein bisschen Pause machen, um vor dem Problem zurückzutreten.


Im Alltag könnte das wie aussehen?

Wenn ich etwas Neues entwickle, dann lasse ich mich zuerst auf die Aufgabe ein und beschäftigte mich mit den Problemen. Dann setze ich mich auf das Rennrad. Die nicht genutzte Zeit, in der ich scheinbar nicht arbeite, ist gut investiert. Denn immer, wenn ich zurückkomme, habe ich einen völlig neuen Blick auf die Sache und kann danach doppelt so schnell arbeiten. Ich komme rascher zum Ziel, weil das Gehirn immer dann, wenn es nicht so fokussiert denken muss, die Sachen neuartig kombiniert und Abkürzungen findet, die man vorher nicht gesehen hat.
 
Eine geniale Idee oder viele kleine Ideen – was ist besser?  

Wenn man Menschen im Labor die Aufgabe gibt, die sie beste getöpferte Vase zu bauen, die sie sich vorstellen können, und der zweiten Gruppe die Aufgabe gibt, einfach viel auszuprobieren, wird die zweite Gruppe zum Schluss die kreativeren und interessanteren Objekte hervorbringen als die erste Gruppe. Übung macht den Meis­ter. Je mehr man ausprobiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Gutes dabei ist. Sich hinsetzen und eine große Idee ausbrüten zu wollen, funktioniert so gut wie nie. Auch die grandiosen Erfinder und Designer haben viel Schrott produziert. Das muss man, sonst kommt man nicht zu der einen guten Idee.
 
Was heißt das für Selbst­ständige?

Drei Dinge sind wichtig: Erstens mit anderen vernetzen und austauschen, vor allem in Kleinbetrieben. Zweitens Dinge schnell ausprobieren in einem kleinen Umfeld, das heißt Prototyp bauen und Feedback von anderen einholen. Drittens den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren. Sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Auch wenn wir etwas schon immer so gemacht haben, geht es nicht anders? Gerade Selbstständige müssen sich ihre Denkoffenheit bewahren.

Dabei muss das Gehirn taktisch vorgehen können?

Ja, denn das Gehirn hat keine Region, wo die Ideen ausgebrütet werden. Diese kommen nur, wenn man sich auf etwas konzentriert. Jede gute Idee beginnt mit einem Schmerz, das heißt mit etwas, das mich aufregt, oder etwas, mit dem ich unzufrieden bin. Diesen Dingen lohnt es sich, auf den Grund zu gehen. Im Business geht es nicht nur darum, gute Ideen zu entwickeln, sondern auch für
bestimmte Probleme Lösungen anzubieten. Dahinter steckt jede Menge Kreativität.

Täglich wird das Gehirn mit Informationen überflutet. Ist das nicht alles zu viel?

Ich plädiere dafür, das Gehirn zu nutzen. Denn dann bleibt es länger frisch. Aber ich kann natürlich die Aufmerksamkeit ein wenig dosieren. Das heißt, man darf sich nicht überladen mit Informationen, nicht zu viel aufnehmen, sonst ist auch das Gehirn irgendwann voll und kann sich nicht mehr konzentrieren. Aber auch hier wieder – die clever gesetzte Pause ist das, was uns von der Maschine unterscheidet und erst die Möglichkeit für Geistesblitze schafft.


Dieses Interview erschien in der "Kärntner Wirtschaft", Ausgabe 34/35.

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