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„Gefangen im Gefängnis der Gleichheit“

Gesellschaft heute und morgen: Darüber haben wir mit Autor Wolf Lotter, dem Mitbegründer von „brand eins“, einem der führenden Wirtschaftsmagazine, gesprochen.

Autor Wolf Lotter ist gelernter Buchhändler. Er sagt, wir müssen uns von den Klischees der Innovation trennen.
© Foto: Fischer Graz Autor Wolf Lotter ist gelernter Buchhändler. Er sagt, wir müssen uns von den Klischees der Innovation trennen.

„Kärntner Wirtschaft“: Welches Bild der Gesellschaft zeichnen Sie aktuell?

Wolf Lotter: Wir haben auf der einen Seite ein mechanistisches Bild in der Industriegesellschaft, auf der anderen Seite eine Massengesellschaft. Letztere behauptet „one size fits all“ – also eines muss für alle passen. Auch unser Gerechtigkeitssinn geht nicht in Einzelgerechtigkeit auf, sondern in allgemeiner Gerechtigkeit – in Gleichheit.

Sie spielen auf die Gleich­macherei unserer Gesellschaft an?

Gleichheit ist nicht gerecht – und kann auch gar nicht gerecht sein. Jeder benötigt etwas anderes. Aber unsere Strukturen sind dennoch darauf ausgerichtet, uns alle gleich zu machen – Unternehmen, Karriere, Politik und vor allem Schulen zielen darauf ab, uns gleich zu machen. Speziell an Universitäten erleben wir das Streben nach Gleichheit. Schauen Sie sich etwa den Bologna-Prozess an: Das ist Gleichmacherei über ganz Eu­ropa hinweg – mehr als wir es uns vor 25 Jahren vorstellen konnten.

Inwieweit steht das im Gegensatz zum Wunsch nach Individualisierung?

Der eigene Lebensvollzug, der Wunsch nach Individualisierung ist noch nie so groß gewesen wie heute. Diese Individualisierung ist das Endprodukt unseres Wohlstands. Das Interessante ist, dass wir durch unsere Industrie-Gesellschaft einen Wohlstand geschaffen haben, der uns dazu bringt, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, wie wir dem Gefängnis der Gleichmacherei entrinnen. 

Was bedeutet das im wirtschaftlichen Kontext?

Die alte Welt stellt etwas her und behauptet: Das braucht ihr. Die neue Welt stellt etwas her, dem die Frage vorausgeht: Was kann ich eigentlich für euch tun? Das ist ein großer Unterschied. Die alte Welt sagt: Ihr braucht jetzt Autos – und das Marketing hat die Aufgabe, die Leute glauben zu lassen, es sei ihre eigene Idee. Das funktioniert in der neuen Welt nicht mehr: Dort artikulieren die Leute ihre Bedürfnisse – und in den Fabriken wird bis zur Losgröße eins individualisiert.

Woher kommt dieses starke Bedürfnis nach Individualisierung?

Es gibt eine OECD-Studie aus dem Jahr 1999, deren Aussagen heute mehr denn je gelten, die da lauten: Ein durchschnittlicher Westeuropäer hat zwischen dem 18. Jahrhundert und dem Jahr 1999 sein Vermögen um das 44-Fache vermehrt. Die Lebenserwartung ist in diesem Zeitraum um das nahezu Dreifache gestiegen. Wir haben mehr Zeit, mehr Geld.
Es stimmt also nicht, dass früher alles gemütlicher war.

Was ist dann der Fall?

Das Gegenteil: Die Menschen haben früher stärker versucht, ihre Existenzbedürfnisse abzudecken. Die meisten haben hart gearbeitet und sind früh gestorben – diejenigen, die Zeit hatten, um zu reflektieren, waren in der Tat nur ganz wenige. Dieses eins­tige Privileg der Eliten wird aber zunehmend mehr und mehr zum Privileg der anderen. Wir haben zwar das Gefühl, wir haben immer weniger Freizeit – tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Freizeit – gemessen an der reinen Erwerbszeit – dramatisch gestiegen. Der subjektive Eindruck ist: Ich komme trotzdem nicht mit meiner Zeit aus. Der nächste wichtige Lernschritt in den nächsten zehn bis 15 Jahren wird daher sein, sich bewusst zu machen, dass die klassische Form der Verallgemeinerung so nicht mehr funktioniert.

Welche Rolle kommt dabei der Innovation zu?

Wir müssen uns von den Klischees der Innovation trennen. „Alles eine Frage der Technik“, sagt die Werbung. Das stimmt so natürlich nicht. Denn letzten Endes sind die großen Innovationen kultureller und sozialer Natur. Darüber hinaus glauben wir, dass Innovation ein Thema der Eliten ist. Innova­tion geht uns alle an. Darum müssen wir die Fähigkeit zur Überraschung schulen. Überraschungsfähigkeit ist eine der wesentlichsten und wichtigsten Eigenschaften, die es gibt. Neugierige Menschen sind genau das, was wir brauchen. Nur so entstehen originäre, unverwechselbare Ideen.

Dieses Interview erschien in Ausgabe 30/31 der „Kärntner Wirtschaft“.

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