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„Europa hat ein grundlegendes Strukturproblem“

Europa driftet aus ökonomischer Sicht auf mehreren Ebenen auseinander. Warum und was dagegen getan werden kann, erklärt Wirtschaftswissenschaftler Jakob Kapeller.

Anita Arneitz

Sozioökonom Jakob Kapeller zeigt Lösungsansätze für eine ausgeglichenere, stabilere Zukunft Europas.
© KK/Uni Duisburg-Essen Sozioökonom Jakob Kapeller zeigt Lösungsansätze für eine ausgeglichenere, stabilere Zukunft Europas.

„Kärntner Wirtschaft“: ­Warum drifet Europa immer weiter auseinander?

Jakob Kapeller: Nehmen Sie das Beispiel Wirtschaftswachstum: Während wir in den deutschsprachigen Ländern in den vergangenen Jahren eine Hochkonjunktur mit starken Wachstums- und niedrigen Arbeitslosenraten genießen konnten, liegt das reale Bruttoinlandsprodukt Italiens noch immer unterhalb jenes Niveaus, das Italien vor der großen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 erreicht hatte. Das bedeutet, dass der europäische Integrationsprozess offensichtlich nicht im Stande ist, eines seiner zentralen Versprechen,  nämlich die Angleichung der Lebensstandards innerhalb Europas, einzulösen. 

Wo sehen Sie Gefahren?

Eine mögliche Bedrohung ist, dass sich die ökonomischen Unterschiede innerhalb Europas immer weiter vertiefen – und in der Tat zeigen unsere Forschungen, dass das beobachtete wirtschaftliche Auseinanderdriften nicht nur auf der Ebene der Einkommen sichtbar ist, sondern auch dort, wo es um technologische Fähigkeiten oder regulatorische Standards geht, wie in der Steuerpolitik oder Finanzmarktregulierung. Dass bedeutet, dass das vereinte Europa ökonomisch gar nicht zusammenwächst, sondern vielmehr auseinanderfällt – was wohl auch zu weiteren politischen Konflikten zwischen den Mitgliedstaaten führen wird. 

Welche Auswirkung hat das für die regionale Wirtschaft?

Das hängt davon ab, über welche Regionen wir sprechen. Denken Sie an Deutschland, das als Profiteur der europäischen und globalen ökonomischen Integration gilt. Doch diese Profite sind höchst ungleich verteilt. In den ostdeutschen Bundesländern sinken oder stagnieren Realeinkommen und industrieller Output seit Jahrzehnten, während einige westdeutsche Regionen zu den größten Profiteuren des Integrationsprozesses zählen. 

Gibt es Lösungsstrategien?

Bei der ökonomischen Polarisierung Europas handelt es sich um ein grundlegendes Strukturproblem, das schwer durch eine einzige Maßnahme kuriert werden kann. Vielmehr braucht es ein Bündel teils radikaler Maßnahmen, um zu einer Trendumkehr zu kommen. Dazu gehören die Abkehr von einem innereuropäischen Standortwettbewerb im Bereich der Lohnkosten, Steuerpolitik, Finanzmarktregulierung, Reform der EU-Budgetregeln, Überdenken der geldpolitischen Strategie der EZB – die rein auf Preisstabilität orientiert ist und daher etwa Arbeitsmarktziele oftmals hintanstellt – sowie Einführung einer europaweiten Industriepolitik zur überregionalen Stärkung des produzierenden Sektors. 

Was braucht Europa, damit es wieder stark wird?

Europa ist grundsätzlich – zumindest zur Zeit – ökonomisch noch sehr stark aufgestellt. Es geht weniger um die Frage nach ökonomischer Leistungsfähigkeit, sondern viel mehr darum, wie eine konsequente und langfristig politisch stabile europäische Integration erreicht werden kann. Es geht darum, einen Ausgleich zwischen Siegern und Verlierern im internationalen Wettbewerb zu schaffen, sodass alle an einer besseren Zukunft teilhaben können.  

Das bedeutet für die Wirtschaftspolitik?

Europa und seine Bürger brauchen die Bereitschaft, althergebrachte Weisheiten und Glaubenssätze der Wirtschaftspolitik grundlegend zu hinterfragen. Solange weiterhin eine Mehrheit an Politik und Bevölkerung glaubt, eine Spar-Politik der schwarzen Null wäre in Zeiten des Klimawandels eine gute Idee, solange sind weder das Klima noch Europa zu retten.

Dieser Erfolg aus Kärnten erschien in der "Kärntner Wirtschaft" Ausgabe 48.

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