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„Die Frage ist, wer wir ohne Arbeit sind“

Philosoph Konrad Paul Liessmann wagt einen Blick in die Zukunft der Arbeitswelt und die sich verändernden Rahmenbedingungen für Mensch und Wirtschaft. 

Claudia Blasi
In den nächsten Jahren werden unterschiedliche Berufe entstehen, die wir heute noch gar nicht kennen, ist Philosoph Konrad Paul Liessmann überzeugt.
© WKK/Fritz Press In den nächsten Jahren werden unterschiedliche Berufe entstehen, die wir heute noch gar nicht kennen, ist Philosoph Konrad Paul Liessmann überzeugt.

„Kärntner Wirtschaft“: Welche Bedeutung hat Arbeit für die Menschen?

Konrad Paul Liessmann: Es geht um die Frage, wie wir unser Menschsein über Arbeit definieren. Über Jahrhunderte waren wir, was wir beruflich gemacht haben. Aber muss es so sein und wie lange noch? Die neuen Technologien verschieben diesen Raster und wir werden uns die ersehnte Wertschätzung wohl über andere Kanäle holen. Der psychologische und ökonomische Stellenwert der Arbeit verschiebt sich.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Bildung und Arbeit, Einkommen und Wohlstand? 

Auch hier gerät der traditionelle Ansatz „Eine gute Ausbildung ist ein Garant für einen guten Job“ ins Wanken. Zunehmend werden nicht mehr nur Berufe mit geringer Ausbildung automatisiert, sondern, aufgrund der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und Digitalisierung, etwa auch Arbeiten eines Richters oder Managers. Das bedeutet, wir werden in den nächsten Jahren mit einer Arbeitslosenwelle der Akademiker konfrontiert. 
 
Ist Bildung also nicht mehr der Hebel zum wirtschaftlichen Aufstieg?

Eine profunde Ausbildung ist notwendig, um einen Beruf ausüben zu können. Es wird aber immer wichtiger, auch in der Bildung breit aufgestellt zu sein. Spezialisten, die in der Wirtschaft heute dringend gesucht werden, können schon binnen kurzer Zeit nicht mehr gefragt sein. Wer aber in größeren Zusammenhängen denkt und auch seine Fähigkeiten danach ausrichtet, hat größere Chancen am Arbeitsmarkt.

Ist die Lehre der Ausbildungsweg der Zukunft?

Die Lehre hat viel Potenzial, da viele Lehrberufe nicht ersetzt werden können. Doch auch hier sollte die Ausbildung den Horizont der jungen Menschen erweitern. Ein Friseurlehrling sollte nicht nur auf Haare spezialisiert sein, sondern auf seinen Beruf aufbauendes Wissen bekommen, um sich beruflich rasch verändern zu können. Wichtig wäre die Lehre so zu organisieren, dass man nicht nur angepasste Mitarbeiter produziert, sondern eine breite Entwicklung ermöglicht.

Was können wir tun, um für Industrie 4.0, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz gerüstet zu sein?

Wir müssen uns damit abfinden, dass eine Reihe von Berufen von Robotern, Automaten und Algorithmen erledigt werden, und wir müssen uns von dem Begriff Erwerbsarbeit trennen und einen erweiterten Begriff finden, für 
Tätigkeiten, die wir heute noch nicht als Arbeit klassifizieren.

Wie gestalten sich dann die Berufe der Zukunft?

Es wäre unseriös, heute eine Prognose dazu abzugeben. Aber ich denke, dass alles Kreative, Kommunikative und Soziale nicht an Maschinen delegiert werden kann. Hier greift das Motto „besser, schneller, billiger“ nicht. Es wird allerdings auch darum gehen, diese Beiträge der Menschen für die Gesellschaft neu zu bewerten, dabei ist Geld nicht mehr die Hauptmotivation. Das lebt uns ja bereits die nächste Generation der Digital Natives vor. Sie wollen ausreichend verdienen, für ein gutes Leben, doch sie leben nicht mehr für die Karriere. 

Was können wir von dieser Generation lernen?

Zum Beispiel wie man als Influencer neue Geschäftsfelder schaffen und auch davon leben kann. Doch wenn etwa Lkw-Fahrer in Zukunft durch autonomes Fahren abgelöst werden, ist das nur für die wenigsten ein Geschäftsmodell. Die viel wichtigere Frage ist, was machen wir mit allen anderen?


Dieser Artikel erschien in der "Kärntner Wirtschaft", Ausgabe 9.

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