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„2030 sind wir in den Top-5 in Europa“

Interview mit ungarischen Botschafter Andor Nagy

Der neue ungarische Botschafter in Wien erzählt über den ungarischen Erfolgsweg, missverstandene Politik und warum das Burgenland für ihn ein ganz besonderes Bundesland ist.
© WKB
Beim Besuch des ungarischen Botschafters brütet Andor Nagy gerade über einem Stapel Baupläne. Das barocke Stadtpalais in der noblen Innenstadt ist schon seit Mitte des 18. Jahrhundert in ungarischem Besitz, war Sitz der ungarischen Hofkanzlei und beherbergt eine Vielzahl wertvoller Kunstschätze. Aber es ist in die Jahre gekommen, erzählt Botschafter Dr. Andor Nagy, der seit knapp drei Monaten hier Hausherr ist.
Der sportliche 55jährige empfängt uns freundlich, leger, ohne Krawatte und überhaupt nicht diplomatisch distanziert. Im Gegenteil. Stolz führt er durch die wunderschönen Räumlichkeiten, erklärt hier ein Bild, dort ein Fresko. Überall schwingt die gemeinsame k.u.k. Geschichte mit. Das Tragen einer Krawatte hat sich der Jurist in Israel abgewöhnt, wo er die letzten fünf Jahre als Botschafter tätig war. Nun habe ihn Ministerpräsident Viktor Orbán nach Wien entsandt, weil es für Ungarn jetzt wichtig ist.

Burgenlands Wirtschaft (BuWi): Herr Botschafter, in ihrer gemeinsamen Studienzeit spielten sie mit ihrem Freund Viktor Orbán in einer gemeinsamen Fußballmannschaft. Orbán als offensiver Mittelfeldspieler mit dem Zug nach vorne, sie als Verteidiger der nach hinten absichern musste. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass es Ihnen heute ähnlich geht, nur dass sie heute eben die Politik ihres Regierungschefs verteidigen müssen?

Nagy: Das gehört doch zu den Aufgaben eines Botschafters, sein Land zu vertreten und wenn notwendig auch zu verteidigen. Aber im Ernst, es ist schon so, dass wir uns manchmal wundern, welche Unwahrheiten über Ungarn verbreitet werden, wenn uns etwa ein Mangel an Rechtsstaatlichkeit, Einschränkung der Pressefreiheit oder nicht unabhängige Gerichte vorgeworfen werden. Das ist absoluter Blödsinn. Auch wenn ich mir die Situation in anderen EU-Staaten wie Rumänien oder Frankreich ansehe, wie hier die Polizei etwa mit Demonstranten umgeht. Das gibt es bei uns nicht. Natürlich können in Ungarn Medien kritisch über die Regierung schreiben, und manche tun das auch, das ist für uns kein Problem. Aber Viktor Orbán ist ein charismatischer Leader, der die Interessen Ungarns wie ein Löwe vertritt. Die Menschen in Ungarn sind damit sehr zufrieden. Und Orbán wurde dreimal wiedergewählt, ich denke, das spricht für sich.

BuWi: Auch weil er einen harten Kurs gegen Ausländer fährt?

Nagy: Schauen Sie, Ungarn wurde 2015 dafür geprügelt, weil wir die EU-Außengrenze zu Serbien und Kroatien dicht gemacht haben. Das war die richtige Entscheidung, die aber für uns alles andere als einfach war. Ungarn war der erste Staat, der 1989 den Stacheldraht des Eisernen Vorhangs durchtrennt hat, und gerade wir mussten hier im Sinne der EU wieder einen Zaun errichten. Heute wissen wir, dass das richtig war und es Ungarn zu verdanken ist, dass die Menschen auch in Österreich wieder ruhiger schlafen können.

BuWi: Kommen wir zur Wirtschaft. Wie geht es Ungarn aktuell?

Nagy: 2010 war Ungarn am Rande des Bankrotts, uns ging es fast so wie Griechenland. Mittlerweile hat die Strukturreform gegriffen, wir haben vier Prozent Wirtschaftswachstum, praktisch keine Arbeitslosigkeit und wollen bis 2030 unter den Top-5-Produktionsnationen der EU sein. Erreicht haben wir das, indem wir eine große Strukturreform durchgeführt haben. Im Sozialsystem, in der Familienpolitik, beim Steuersystem. Wir haben eine Flat-Tax mit 15 % Einkommenssteuer. Wir wollen das demografische Problem, den Fachkräftemangel, langfristig durch Unterstützung der Familien lösen, indem wir Mehrkind-Familien fördern, flexible Arbeitszeitmodelle forcieren und Fonds zur Wohnraumschaffung eingeführt haben. Und die ersten Erfolge zeigen sich bereits. So ist die ungarische Automobilindustrie eine echte Erfolgsstory. Wenn ich mich nicht irre, ist Ungarn das einzige Land neben Deutschland in dem die drei großen deutschen Automarken mit Produktionsstandorten vertreten sind. Audi in Györ, Mercedes in Kecskemét und BMW baut gerade in Debrecen ein Werk um eine Milliarde Euro.

BuWi: Vor kurzem war Staatssekretär Levente Magyar im Burgenland. Dabei wurde ein Abkommen zur umfassenden Entwicklung der Verkehrsverbindungen unterzeichnet. Gibt es hier schon konkrete Projekte?

Nagy: Das Burgenland und Ungarn haben seit Jahren eine modellhafte Basis der Zusammenarbeit. Ich komme ja aus einem kleinen Ort in der Nähe von Sopron, nur 15 Kilometer von der burgenländischen Grenze entfernt, und bin noch mit Grenzkontrollen und Eisernem Vorhang aufgewachsen. Heute ist das ein unglaubliches Gefühl, wenn man sieht, wie diese Region wieder zusammenwächst. Daher werden wir die Verkehrsprojekte – Straße und Schiene - weiter forcieren. Etwa bis 2022 den Bau der M8 bei Szentgotthárd, die dann an die S7 anschließen wird und so eine neue Ost-West-Achse eröffnet. Oder auch die bessere Anbindung von Szombathely (Lückenschluss via B61a zur der S31, Anm.) und Sopron (Verlängerung der A3, Anm.).  

BuWi: Sie sind erst seit drei Monaten im Amt. Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre in Wien?

Nagy: Ich war ja fünf Jahre in Israel, davor Kabinettchef von Viktor Orbán. Hier in Wien ist die Situation wieder ganz anders. Irgendwie bin ich fast wie zu Hause, in der Innenstadt gibt es viele Palais mit ungarischer Geschichte, Palffy, Esterházy und viele mehr. Und in der Gastronomie treffe ich sowieso ganz viel Landsleute (schmunzelt). Aber ich möchte hier vor allem ein erfolgreicher Botschafter sein. Ich möchte zeigen, dass Ungarn ein erfolgreiches Mitglied dieser Europäische Union ist. Das wir Ungarn fleißige Menschen sind, die Respekt geben, aber auch Respekt erwarten. Und den Kontakt zum Burgenland möchte ich hier ganz intensiv pflegen. Das Burgenland hat einen besonderen Platz in meinem Herzen, wir haben aber sicher noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Und ich wünsche mir, dass es der Wirtschaft im Burgenland gut geht, weil dann geht es auch Ungarn gut.



© WKB Der ungarische Botschafter Andor Nagy im Gespräch mit Direktor-Stellvertreter Harald Schermann


Mehr Infos zu diesem Thema finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Burgenlands Wirtschaft".

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